Geschichte der Stadtplanung und Raumordnung

(aus: www.regiosurf.de)

Antike, Hoch- und Spätmittelalter

Regelhafte Entwicklung von Städten in der Geschichte: nicht planlose Entwicklung (z.B. aus ländlichen Siedlungen), sondern planvolle Anlage, meist durch den jeweiligen Landesherrn. Dies gilt sowohl für Neugründungen als auch für Stadterweiterungen. Phasen der stärkeren Planung (z.B. Antike, Hochmittelalter) wechselten ab mit Phasen des tendenziell planlosen Wachstums (z.B. Entstehung der sog. Mutterstädte im 10./11. Jahrhundert).

Planvolle Gründungen bzw. Stadterweiterungen lassen sich bis heute vor allem an geometrischen Grundrißformen des Straßennetzes erkennen. Hauptmuster: rechtwinklige Straßenführung mit rechteckigen oder sogar quadratischen Baublöcken. Berühmtes Vorbild: sog. "hippodamisches Schema" (geometr. Straßengrundriß von Hippodamus beim Wiederaufbau von Milet 450 v.Chr.) als Prinzip der antiken mediterranen Stadt. Im Hoch- und Spät-Mittelalter meist (nicht streng) rechtwinklige bis leiterförmige Planformen.

Frühe Neuzeit (Renaissance und Barock)
Renaissance: "Idealstadt"-Entwürfe mit strengen geometrischen Mustern, meist von "praktischen Mathematikern" wie Stadtbaumeistern und z.B. von Albrecht Dürer. Realisiert wurden in dieser Zeit (insb. 16. und frühes 17. Jh.) insbesondere Festungsstädte (z.B. Neu-Breisach, Palmanova), Bergstädte (z.B. Freudenstadt) und Exulantenstädte (z.B. Karlshafen).

Barock/Absolutismus: Absolutistische Städtegründungen und Stadterweiterungen durch die Landesherren, insb. Residenzstädte mit geometrischen Stadtgrundrissen (z.B. Karlsruhe strahlenförmig, z.B. Ludwigsburg rechtwinkling) und Betonung der Sichtachsen.

 

Stadtplanung des Industriezeitalters

Beschränkung auf staatliche Rahmenplanung: 1800-1875

In dieser Phase ersten Phase des Industriezeitalters kaum Stadtplanung (liberale Staatsauffassung!). Zum Beispiel Preuß. Allg. Landrecht 1794: "In der Regel ist jeder Eigentümer, seinen Grund und Boden mit Gebäuden zu besetzen oder seine Gebäude zu verändern wohl befugt." ... "doch soll zum Schaden oder zur Unsicherheit des gemeinen Wesens oder zur Verunstaltung der Städte und öffentlichen Plätze kein Bau und keine Veränderung vorgenommen werden."

Staatliche Bauordnungen (z.B. Preußen 1641, 1763, 1853).

In vielen Städten wurden jedoch, oft auf Veranlassung der Regierung (in Preußen z.B. des jeweiligen Regierungspräsidenten) Stadterweiterungspläne (= Straßen- und Fluchtlinienpläne), erstellt. Berühmtes Beispiel: sog. Hobrecht-Plan für Berlin 1862. In diesen Plänen wurden lediglich die Straßen- und Fluchtlinienverläufe festgelegt; die Parzellenbebauung war offen (und nur durch rahmensetzende Bauordnungen geregelt).

Baustil: Klassizismus und Biedermeier.

 

Gründerzeit: Primat des technischen Städtebaus 1875-1895

1875 Preußisches Fluchtliniengesetz; damit neu:
- Planung von Stadterweiterungen als städtische Aufgabe;
- Ermächtigung der Städte zur Heranziehung der Anlieger zur Mitfinanzierung neuer Straßen und ggfs. Enteignung;
Planung war aber im übrigen im wesentlichen nur Straßen- und Fluchtlinienplanung.

Ergänzung der baupolizeilichen Anliegen um Sicherheit und Ordnung (insb. Feuersicherheit, Standfestigkeit etc.). Technische Neuerungen: Wasser, Gas, Abwasser, Verkehr; damit wurde der Bau und die Unterhaltung der technischen Infrastruktur zur kommunalen Aufgabe.

Entwicklung des Städtebaus als wissenschaftliche Disziplin; bedeutende Autoren bzw. Werke: Reinhard Baumeister 1876, Camillo Sitte 1889, Joseph Stübben 1890.

Baustil: Historistischer Eklektizismus (Imitate und Zitate historischer Stile von der Gotik bis zum Klassizismus).

 

Gründerzeit: Erste Reformbestrebungen 1895-1918

Ab 1890/95: sog. Zonen- bzw. Staffelbauordnungen.

Damit allmählicher Übergang von der Rahmenplanung des Fluchtlinienplanes zum "Generalbebauungsplan" oder "Flächenaufteilungsplan". Dafür benötigte man "Stadtmodelle" z.B. v. Theodor Fritsch (1896).

Große Resonanz sozialreformerischer Ideen:

- Beseitigung des Wohnungselends (Wohnungs- und Städtebau als gesellschaftspolitische Aufgabe unter dem Eindruck der städtischen Slums und Mietskasernen),

- Ausbreitung von Wohnungsbaugenossenschaften (Selbsthilfe-Gemeinschaften für Wohnungsbau, meist Berufsgruppen),

- "Gartenstadt-Idee" als weltweit wirkender Reform-Impuls: Ebenezer Howard 1898: "Garden Cities of To-morrow", danach in UK zahlreiche gartenstadtähnliche Siedlungen und New Towns; in Deutschland aber nur teilweise verwirklicht, meist nur als neue, durchgrünte und einheitlich geplante und gebaute Stadtteile, oft in genossenschaftlichem oder Werks-Eigentum (KA-Rüppur, Dresden-Hellerau, E-Margarethenhöhe).

Baustil: ca. 1898 - ca. 1910: Jugendstil; dann Nebeneinander unterschiedlicher Stilrichtungen, z.T. Heimatstil, z.T. Eklektizismus, z.T. Expressionismus.

 

Die Stadtplanung der "Moderne" (1918-1975)

Durchbruch der Moderne (1918-1933)

Städtebauliches Leitbild der "Moderne" als Antithese zur gründerzeitlichen (Mietskasernen-)Stadt:
- Gliederung und Auflockerung durch Licht, Luft, Grün,
- Absonderung störender Nutzungen,
- Begrenzung der Wohndichte,
- Orientierung an öffentlichen Nahverkehrsmitteln,
- "Nachbarschaftseinheiten" gegen großstädtische Anonymität,
- Städtebau und Wohnungsbau als kommunale Aufgabe.

Äußerliches Merkmal: Aufgabe der geschlossenen Blockrandbebauung zugunsten einer halboffenen und offenen Bauweise, z.B. in Zeilenbauweise.

"Funktionalismus" in Architektur und Städtebau. Ziel: "Funktionaler Umbau der Stadt".

Wichtigste Impulse des modernen Städtebaus gingen aus von:

1) Bauhaus 1919-1933 Weimar/Dessau, dann aufgelöst, wichtige Architekten und Städtebauer emigrierten nach Nordamerika, z.B. Walter Gropius und Bruno Taut, Mies van der Rohe u.a.; Ziel: klare funktionale Formensprache, gegen zweckfreie Ornamentik, für Flachdach statt Satteldach.

2) CIAM ("Congrès International d'Architecture Moderne") 1928ff. Hauptvertreter: Le Corbusier: Er veranlaßte die berühmte "Charta von Athen" 1933 mit Forderungen:
- Forderung nach Bodenreform aus kollektivem Interesse,
- strikte Trennung der 4 Funktionen "Wohnen", "Arbeiten", "sich erholen" und "sich bewegen".

 

 

Nationalsozialistische Stadtplanung

Instrumente: Wohnsiedlungsgesetz 1933: "Wirtschaftsplan" für die gesamtstädtische Entwicklung (ähnlich FNP).

NS-Stadtplanung:

einerseits: antiurban, "Überwindung der Großstadt", Pläne zur Re-Agrarisierung der Gesellschaft in der völkisch-konservativen Denktradition;
andererseits: Pläne zum monumentalen Ausbau von Berlin (neue Welt-Hauptstadt), München, Nürnberg, Linz, Hamburg und den (anderen) Gauhauptstädten.

Städtebau als Bau von städtebaulichen Symbolen des NS-Staates und der nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung.

Dies dokumentierte sich vor allem in zwei Prinzipien:

1) monumentale Bauten (insb. Versammlungshallen, Triumphbögen), breite Achsen und Plätze für Aufmärsche und Massenversammlungen;

2) zellularer hierarchischer Aufbau der Städte (sozialräumliche Gliederung) parallel zur Parteiorganisation: "Ortsgruppe als Siedlungszelle".

Diese Pläne wurden aber nur ansatzweise realisiert.

1) "Führerhauptstädte": Berlin als Reichshauptstadt, München als "Hauptstadt der Bewegung", Nürnberg als "Stadt der Reichsparteitage", Hamburg als "Tor zur Welt" sowie Linz als Heimatort Hitlers.

2) Gauhauptstädte als weitere Schwerpunkte der Umgestaltung im NS-Geist;

3) weitere nationalsozialistische "Musterstädte":
a) Wolfsburg ("Stadt des KdF-Wagens") von Peter Koller 1938ff. geplant und dann errichtet; Plan entsprach eher allgemeinen modernen städtebauliche Prinzipien (z.B. mit funktionaler Gliederung und Stadtkrone), ergänzt durch NS-spezifische Achsen und zentrale Parteigebäude;
b) Salzgitter ("Stadt der Hermann-Göring-Werke"), NS-Element: Nachbarschaft mit einer Größe der Partei-Ortsgruppe von ca. 6000 Ew.

4) Stadtplanung für "eingedeutschte" Städte im eroberten Osten.

Baustil: Ablehnung der "Bauhaus-Moderne", einerseits Heimatstil, andererseits Monu- mentalbau.

1939-45: Zerstörungen durch alliierte Luftangriffe.

 

 

Frühe Nachkriegszeit: Die Phase des Wiederaufbaus 1945-1960

Leitbilder: 1. Die gegliederte und aufgelockerte Stadt,
2. Gartenstadt;

Städtebauliches Leitbild, anknüpfend sowohl an die Weimarer Zeit als auch an den NS-Städtebau: die "gegliederte und aufgelockerte Stadt", mit funktionalen Einheiten (Übernahme des Nachbarschaftskonzepts) und Elementen der Gartenstadtidee.

Großer Problemdruck: Wohnungsnot aufgrund der Kriegszerstörungen und der Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Deshalb stand zunächst die quantitative Aufgabe des Wiederaufbaus der zerstörten Städte und Schaffung von ausreichendem Wohnraum im Vordergrund. Diese gewaltige Aufgabe bedeutete für die städtebauliche Planung einerseits eine große Faszination wegen der historisch einmaligen Chance, etwas grundsätzlich Neues schaffen zu können, andererseits herrschte in der jungen Bundesrepublik eine generelle Planungsfeindlichkeit (als Reaktion auf zentralstaatliche Planungen des Dritten Reiches und der DDR).

Wiederaufbau der Städte unterschied sich im einzelnen je nach Grad der Zerstörung, aber auch je nach 'konservativer' oder 'progressiver' Stadtplanung. Konservativ z.B. Münster, progressiv z.B. Hannover, Wesel.

Gesetzliche Grundlagen: Aufbauggesetze der Länder 1949, 1950;
Bundesbaugesetz 1960 als erstes Städtebaugesetz der BRD (dem Leitbild dieser Phase verpflichtet).

Vertreter dieser Phase: H. B. Reichow 1948, J. Göderitz 1957.

Baustil: gemäßigte Moderne.

  

Wachstum und Verdichtung 1960-1975

Um 1960 zunehmende Kritik am Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt, z.B.: Jane Jacobs 1963, H. P. Bahrdt 1961, Alexander Mitscherlich 1965.

 

Neue Leitbilder: intensives und vielgestaltiges Leben, "Dichte und Urbanität" (bzw. in extremer Variante: "Urbanität durch Dichte") und "verkehrsgerechte Stadt". Daneben auslaufend: "gegliederte und aufgelockerte Stadt".

Damit z.T. Rehabilitation der gründerzeitlichen Stadt, in der Realität wurde allerdings häufig nur Dichte ohne Nutzungsvielfalt (und damit Urbanität) geschaffen!

Hochzeit des wissenschaftlichen Städtebaus; Vorstellung, man könne mit wissenschaftlichen Methoden die Lebensbedürfnisse der Menschen optimal erfüllen; Ziel: umfassende Stadtentwicklungsplanung auf wissenschaftlicher Grundlage.

Hauptgebiete der Stadtplanung:

a) Stadtsanierung (Flächensanierung von "überalterten" Stadtvierteln als "harte Modernisierung";
b) Bau von "Neuen Städten" (z.B. Wulfen) und insb. von neuen Großwohngebieten (z.B. D-Garath, K-Chorweiler, Erkrath-Hochdahl).

Rechtl. Grundlagen:
Städtebauförderungsgesetz 1971 (Sanierung, Entwicklung).

Baustil: Moderne.

 

Stadtplanung in der Postmoderne: 1975 - ?

(oder evtl. Kap. Stadtplanung in der Spätmoderne ?)

Seit 1974/75 Veränderung der Rahmenbedingungen:
- Abschwächung des Wachstums,
- Planungsskepsis,
- Mobilisierung der Planungsbetroffenen,
- wachsende Umweltsensibilisierung,
- krisenhafte Zuspitzung von Großstadtproblemen.

Schwerpunkte der Stadtplanung verlagern sich:
statt: - umfassender Stadtentwicklungskonzepte,
- großer Neubauviertel,
- aufwendiger Sanierungsvorhaben,
nun: - kurzatmiges Krisenmanagement (Inkrementalismus),
- Denkmalpflege und erhaltende Erneuerung,
- Revitalisierung von Altbauquartieren durch Wohnumfeldverbesserung,

- neuer Repräsentations-Städtebau (insb. Malls, Plätze).

Novelle des Bundesbaugesetzes 1976: Bewahrung wertvoller Bausubstanz und Bürgerbeteiligung,

1987: Baugesetzbuch (BauGB) mit Integration des Bundesbaugesetzes und des Städtebauförderungsgesetzes.

 

Veränderung der städtebaulichen Leitbilder:

1. Stadterneuerung und Denkmalpflege,

2. die Stadt als Bühne, Stadtkultur und Stadt-Marketing (damit de facto Aufgabe der sozial integrierten Stadt!),

3. die ökologische Stadt ("nachhaltige" Stadtentwicklung),
damit charakteristisch für die postmoderne Stadtplanung: Leitbildvielfalt und Inkaufnahme der Stadt-Fragmentierung!

Baustil: Postmoderne (Ästhetisierung des Stadtbildes, Rehabilitation der funktionslosen Ornamentik, Stilzitate).

 

Postmoderne Stadtplanung:

Verzicht auf: Idealstadt-Utopie, systemische Gesamtlösung, Gleichsetzung von Funktion und Ästhetik.

Statt dessen: Wiederentdeckung der Stadtbild-Ästhetik, Wiederentdeckung der urbanen Vielfalt und Komplexität; Stadt ist nicht nur funktionierendes System, sondern vor allem ein morphologisches Ensemble von "Stadtinseln" mit eigener Identität.

Kritische Postmoderne: Betonung der Fragmentierung der Stadt. Nach dem Ende der sozialen Utopien wächst die Bedeutung der fragmentierten Stadtbilder sowohl als ökonomisches sowie als kulturelles "symbolisches Kapital" (Bourdieu).

Leitbilder (nach Streich 1988): 1. Leitbildvielfalt und Fragmentierung,
2. die Stadt als Bühne,
3. die ökologische Stadt.

 

Entwicklung der herrschenden Planungs’philosophien’:

Teilweise in Anlehnung an Sieverts und Ganser (1933/94):

Entstehung der professionellen Stadtplanung in den 1870er Jahren.

1. 1870-1910: Stadtplanung als Bekämpfung städtebaulicher Mißstände, insb. als Reaktion auf die Mietskasernenstadt der Gründerzeit (oft verstanden als "sozialhygienische" Mißstände, d.h. mit einem konservativen gesellschaftspolitischen Hintergrund: Seßhaftmachung der entwurzelten Massen, "Badezimmer für Arbeiter als Revolutions-Prophylaxe"). Schwerpunkte der Stadtplanung:
- Stadterweiterungsplanung (Ordnung des Wachstums durch Fluchtlinienplanung),
- Bau neuer Siedlungen (Werkssiedlungen, ab 1900 stark beeinflußt durch Gartenstadt- Idee).

2. 1910-1945: Stadtplanung als Schaffung des räumlichen Rahmens für die soziale und wirtschaftlicher Entwicklung der Gesellschaft. Zitat Patrick Abercrombie (nach Albers 1988, S. 44): "Die Planung von Stadt und Land sucht der natürlichen Entwicklung eine lenkende Hand zu bieten. Das Ergebnis sollte mehr sein als eine wirtschaftlich und technisch solide Leistung - es sollte ein sozialer Organismus sein und zugleich ein Kunstwerk." Das heißt: Planung soll nicht selbst politische Lenkung von Gesellschaft und Wirtschaft sein (diese werden als quasi-natürliche Prozesse aufgefaßt), sondern Koordinierung der räumlichen Auswirkungen. Dies ist die planungsphilosophische Grundlage der funktionalistischen Planung: Es geht um ein möglichst optimales Funktionieren der "Maschine Stadt". Dazu ein Aphorismus von Karl Kraus zur funktionalistischen Stadtplanung: "Ich erwarte von der Stadt, in der ich leben soll: Haustorschlüssel, Straßenspülung, Asphalt, Warmwasserheizung - gemütlich bin ich selbst." D.h.: Erfüllung der Lebensbedürfnisse durch technische Leistungen: Wohnungsbau, Ver- und Entsorgung, öff. Verkehr, also Stadtplanung als Teil der "kommunalen Leistungsverwaltung". Diese Planungsphilosophie liegt u.a. der "Charta von Athen" (jedenfalls in deren praktischen Teil, nicht in deren gesellschaftsreformerischen Teil) zugrunde.

3. Wiederaufbau der Nachkriegszeit: Zeit der "starken Stadtbauräte" mit gesellschaftlichem Konsens und Vertrauen in die städtebauliche Planung; Wiederaufbau wurde als fachlich-technische Aufgabe, aber nicht als politischer Prozeß gesehen.

4. 1960-75, Höhepunkt 1965-72: "integrierte Entwicklungsplanung" mit Systematisierung, hoher Komplexität, Verwissenschaftlichung, geringe Flexibilität. Die Stadtplanung wurde zum Vorreiter und Teil einer umfassenden staatlichen Entwicklungsplanung, die im Idealfall vertikal und horizontal integriert sein sollte. Dieses Konzept wird auch als ‘geschlossene Planung’ bezeichnet mit den Merkmalen:

- flächendeckend (bezogen auf Stadt oder Region),

- komprehensiv, d.h. alle Politikbereiche und Akteure einbeziehend,

- langfristig angelegt,
- an einem einheitlichen Ziel bzw. Zielsystem orientiert.

Die Planung zielt auf eine möglichst effiziente Verwirklichung eines als richtig erkannten Endzustandes (beste ‘Raum-Ordnung’ als Ziel); dabei ist prinzipiell gleichgültig, ob entgegenstehende Interessen vorhanden sind oder nicht und ob sie überwältigt werden müssen oder nicht.

Praktisches Problem: geringe öffentliche Resonanz, deshalb bald Ernüchterung und Gegentrend zur Entfeinerung der Planung;

Grundsätzliche Kritik: Dies ist die sog. "Gott-Vater-Rationalität": ein allwissender Planer verfügt über umfassende Information und handelt für seine Untergebenen, indem er widerspruchsfreie Ziele verfolgt eine ‘neue Welt schafft’.

5. ab Mitte der 70er Jahre (1975 "Europ. Denkmalschutzjahr") kleinteilige Stadterneuerung mit Bürgerbeteiligung und ökologischer Orientierung;

6. ab 80er Jahre: "perspektivischer Inkrementalismus" Merkmale:

- nur allgemeine gesellschaftliche Zielvorgaben,

- Umsetzung in konkreten Projekten,
- Verzicht auf flächendeckende Betrachtung,
- Planung konzentriert sich auf das Wesentliche und das mittelfristig Realisierbare;
- ökonomische Instrumente wichtiger als rechtliche.

In der Praxis eher: Konzept der ‘offenen Planung’ (‘inkrementale Planung’, Modell des ‘Sich Durchwurstelns’).

Entscheidender neuer Ansatz: Verzicht auf eine ‘höhere (= technisch-wissenschaftliche Rationalität’, sondern geht aus von der Existenz unterschiedlicher Akteure und Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Rationalität bemißt sich am Konsens der Beteiligten, d.h. im Mittelpunkt steht die ‘politische Rationalität’.

Bsp. IBA Emscher Parkmit dem Ansatz, über ‘politische Koalitionen auf Zeit’ anhand konkreter Projekte Innovationen zu erzeugen und alte Blockaden zu überwinden.

Probleme der "traditionellen Planung":

Grundlagenprobleme:

undemokratisch

Macht der Verwaltung

autoritär

Gott-Vater-Modell der Planung

zweckrational

szientifische, instrumentelle Rationalität

Anwendungsprobleme:

unterkomplex

informationelle Überforderung

 

Scheitern von Planungen

Umsetzungsdefizit

unflexibel

 

Traditionelle Planung                  Diskursive Planung

Chancen

zweckrational

diskursive Rationalität (Ideen, Normen,
Interessen)

 

Moderation des Lösungssuchprozesses

unterkomplex

komplexe Planungs- und Kommunikations-
techniken

Umsetzungsdefizit

umsetzungsorientierte Projekte,
Aktionsprogramme

Probleme

autoritär

Konsens/Dissens von Individual- u. Gruppeninteressen

undemokratisch

Wessen Stimmen werden gehört im Diskurs?

 

"Philosophien" und Leitbilder der Stadtplanung in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg

Phase

"Philosophie" der Stadtplanung

Leitbilder

1848 - 1960 Wiederaufbau

Zeit der "starken Stadtbauräte"

1.      " Die gegliederte und aufgelockerte Stadt"

2.      "Gartenstadt"

1960 -1975 Wachstum

Zeit der starren integrierten Entwicklungsplanung

1.      "Dichte und Urbanität " bzw. "Urbanität durch Dichte"

2.      "Die verkehrsgerechte Stadt "

1975- ? Postmoderne

a.      Inkrementalismus

b.      Perspektivischer Inkrementalismus

1.      Stadterneuerung und Denkmalpflege

2.      "Die Stadt als Bühne" Stadtkultur und Stadtmarketing

3.      "Die ökologische Stadt" ("nachhaltige" Stadtentwicklung) Leitbildvielfalt und Inkaufnahme der Stadt-Fragmentierung

Entwurf: H. H. Blotevogel 1998

 


Geschichte der Raumordnung, Landes- und Regionalplanung (insb. in Deutschland)

 Allgemeine Literatur zur Geschichte der Raumordnung, Landes- und Regionalplanung:

Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hg.) (1991): Zur geschichtlichen Entwicklung der Raumordnung, Landes- und Regionalplanung in der Bundesrepublik Deutschland. Hannover: ARL. 455 S. = Forsch.- u. Sitzungsber. 182.

Blotevogel, Hans Heinrich (1996): Zentrale Orte: Zur Karriere und Krise eines Konzepts in Geographie und Raumplanung. In: Erdkunde 50, S. 9-25.

Petz, Ursula von (1995): Raumplanung und 'Moderne'. Ansichten zur Geschichte einer Disziplin. In: Die alte Stadt 22, S. 349-363.

Rössler, Mechtild (1987): Die Institutionalisierung einer neuen "Wissenschaft" im Nationalsozialismus: Raumforschung und Raumordnung 1933-1945. In: GZ 75, S. 177-194.

Schmals, K. M. (Hg.) (1997): Vor 50 Jahren ... auch die Raumplanung hat eine Geschichte! Dortmund: IRPUD. 245 S. = Dortmunder Beitr. z. Raumpl. 80.

Stiens, Gerhard (1997): Der Begriff "regionale Disparitäten" im Wandel raumbezogener Planung und Politik. Mit einem Blick auf neue Trends in den Rahmenbedingungen. In: Inf. z. Raumentwickl. Jg. 1997, H. 1/2, S. 11-27.

Umlauf, Josef (1986): Zur Entwicklungsgeschichte der Landesplanung und Raumordnung. Hannover. = Veröff. d. ARL, Abhn. 90.

Wasser, Bruno (1993): Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940-1944. Berlin: Birkhäuser. 349 S. = Stadt, Planung, Geschichte 15.

 

Die ältere Entwicklung bis zum Zweiten Weltkrieg

Historische Vorläufer ('implizite Raumplanung'):
- insb. Hochmittelalter, z.B. Ostkolonisation,
- frühe Neuzeit, z.B. Binnenkolonisation der Ödlanderschließung

Beginn der ('expliziten') Regionalplanung/Raumordnung:
erste Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts,
Auslöser: Umland-Wachstum der großen Städte (z.B. Berlin) und
Entstehung von Industrieagglomerationen (z.B. Ruhrgebiet)

Erste institutionelle Lösungen:

1911 Zweckverband Groß-Berlin (Aufgaben: Schienenbahnen, Straßenplanung, Fluchtlinienplanung),

1920 Bildung von Groß-Berlin,

1920 Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk

Zweck: Ergänzung der gemeindlichen Planungshoheit durch Planungen und Maßnahmen von überörtlicher Bedeutung:
- Erhaltung von Grünflächen,
- Erarbeitung eines Generalsiedlungsplanes,
- Verkehrsplanung (öff. Regionalverkehr, Straßen),
- Koordination der kommunalen Bauleitplanung.

1920-33 entstanden zahlreiche weitere regionale Planungsgemeinschaften,
insb. in den Ballungsgebieten, z.B. Halle-Merseburg, West-Sachsen, Groß-Hamburg.

Fazit der Entstehung: Die Initiative zur überörtlichen Raumplanung ging von den Städten und Regierungspräsidenten aus, also im wesentlichen 'von unten', nicht von der Staatsregierung.
Raumordnung/Landesplanung wurden nicht als staatliche Aufgabe angesehen, sondern als interkommunale Abstimmung und Koordinierung.

1935 "Reichsstelle für Raumordnung", damit Beginn der staatlichen Raumordnung in Deutschland. Im selben Jahr wurde eine Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung der deutschen Hochschulen mit regionalen Gliederungen gegründet. Sie gab ab 1936 die Zeitschrift "Raumforschung und Raumordnung" heraus.

Die "Reichs-Raumordnung" blieb allerdings mangels Kompetenzen ziemlich wirkungslos. Sie schuf jedoch die wesentlichen konzeptionellen und begrifflichen Grundlagen für die Raumordnung der Nachkriegszeit.

1940-44 Raumplanung der SS im besetzten Polen ('Generalplan Ost' für die 'Germanisierung' des 'Generalgouvernements').

 

Die Etablierung der Raumplanung in der Nachkriegszeit bis 1965

Einerseits: drängende Raumplanungsaufgaben des Wiederaufbaus sowie des Wohnungsbaus und des Infrastrukturaufbaus, desh.: Aufbaugesetze der Länder (de facto Planungsgesetze).

Andererseits: Skepsis gegen 'Raumplanung' (NS-Konnotation) und gegen staatliche Planung überhaupt.

Erstes Landesplanungsgesetz: in NRW 1950 (damit Etablierung der staatlichen Landesplanung; 'Zusammenarbeit mit den weiter bestehenden (kommunalen) Landesplanungsgemeinschaften').

Planungspraxis: Zeit der starken Persönlichkeiten, die (notfalls auch ohne ausgefeilte rechtliche Instrumente) schnell viel bewegen konnten, weil 1) der unmittelbare Handlungsdruck vorhanden war und weil 2) ein Grundkonsens in der Gesellschaft bestand, daß nach der Katastrophe von Krieg und Zusammenbruch das Land wieder aufgebaut werden mußte. Dringende Probleme der Raumordnung: Siedlungs- und Wohnungsbau, Wiederaufbau der Infrastruktur.

 

Entwicklung der Bundes-Raumordnung:

1955 Einsetzung des 'Sachverständigenausschusses für Raumordnung' (SARO),

1961 Vorlage des sog. SARO-Gutachtens mit Empfehlung zur Etablierung einer Bundes-Raumordnung mit begrenzter Kompetenz (wichtig für ROG)

1963ff. Raumordnungsberichte der Bundesregierung

 

 

Die Blütezeit der Raumordnung und Landesplanung 1965-1975

1965 Raumordnungsgesetz des Bundes (ROG), mehrfach novelliert, zuletzt 1997.

Grundlage: Rahmengesetzgebungskompetenz des Bundes nach Art. 75, Abs. 4, GG;
Bundesverfassungsgericht 1954, 1964: außerdem "ausschließliche Vollkompetenz kraft Natur der Sache" für die Raumordnung.

1975 Bundesraumordnungsprogramm (BROP)
Nach langen Diskussionen von der MKRO als Versuch einer inhaltlichen Konkretisierung der allgemeinen Grundsätze und Ziele des ROG aufgestellt;
- Einigung nur auf einem kleinen gemeinsamen Nenner möglich, da erheblicher
Widerstand einiger Länder, insb. Bayerns,

- desh. weitgehend leerformelhafte Aussagen,
- Aufstellung erfolgte genau zum Ende des Planungszyklus,
- in der Praxis weitgehend wirkungslos.

 

1960-75, Höhepunkt 1965-72: "integrierte Entwicklungsplanung"
mit Systematisierung, hoher Komplexität, Verwissenschaftlichung, geringe Flexibilität, geringe öffentliche Resonanz, bald Ernüchterung und Gegentrend zur Entfeinerung;

Konzept der 'geschlossenen Planung' = 'Entwicklungsplanung':

- flächendeckend (bezogen auf Stadt oder Region),
- komprehensiv, d.h. alle Politikbereiche und Akteure einbeziehend,
- langfristig angelegt,
- an einem einheitlichen Ziel bzw. Zielsystem orientiert.

Organisatorisch: Bestandsaufnahme - Ziele - mögliche Mittel - mögliche positive und negative Folgen - Ziel- und Mittelwahl - Durchführung - Erfolgskontrolle.

Die Planung zielt auf eine möglichst effiziente Verwirklichung eines als richtig erkannten Endzustandes (beste 'Raum-Ordnung' als Ziel); dabei ist prinzipiell gleichgültig, ob entgegenstehende Interessen vorhanden sind oder nicht und ob sie überwältigt werden müssen oder nicht.

Kritik: Dies ist die sog. Gott-Vater-Rationalität: ein allwissender Planer verfügt über umfassende Information und handelt für seine Untergebenen, indem er widerspruchsfreie Ziele verfolgt eine 'neue Welt schafft'.

 

Bedeutungsverlust und Krise (1975-1990)

Ab Mitte der 70er Jahre (1975 "Europ. Denkmalschutzjahr") Hinwendung zu kleinteiliger Planung (d.h. überwiegend kommunal) mit Bürgerbeteiligung und ökologischer Orientierung. Die überörtliche Raumplanung (Raumordnung, Landes- und Regionalplanung) war zwar institutionalisiert, geriet aber in eine mehrfache Krise:

- Der weitreichende Steuerungsanspruch der Raumplanung wurde sowohl im politischen
Raum als auch von den Fachplanungen abgelehnt.

- Die Raumplanung wurde politisch weitgehend bedeutungslos.

- Dies führte zu einer Krise des Selbstverständnisses der Raumplaner.

 

Ab 80er Jahre: "perspektivischer Inkrementalismus"
Merkmale: - nur allgemeine gesellschaftliche Zielvorgaben,
- Umsetzung in konkreten Projekten,
- Verzicht auf flächendeckende Betrachtung,
- Planung konzentriert sich auf das Wesentliche und das mittelfristig
Realisierbare;
- ökonomische Instrumente wichtiger als rechtliche.

In der Praxis allerdings eher: Konzept der 'offenen Planung' ('inkrementale Planung', Modell des 'Sich-Durchwurstelns').

Entscheidender Ansatz: Verzicht auf eine 'höhere (= technisch-wissenschaftliche Rationalität', sondern geht aus von der Existenz unterschiedlicher Akteure und Gruppen mit unterschiedlichen Interessen. Rationalität bemißt sich am Konsens der Beteiligten, d.h. im Mittelpunkt steht die 'politische Rationalität'.

Beispiel: Internationale Bauausstellung Emscher Park. Die IBA mit dem Ansatz, über 'politische Koalitionen auf Zeit' anhand konkreter Projekte Innovationen zu erzeugen und alte Blockaden zu überwinden.

 

 

 

Gegenwart: Neue Herausforderungen durch deutsche Einigung und
europäische Integration

 1990ff. Gewisse Renaissance der Raumordnung aufgrund folgender Faktoren:

- Übertragung des Raumordnungssystems der alten Länder auf die neuen;

- neuer Raumordnungsbedarf als Folge der deutschen Einigung (Brisanz des Oberziels der Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen!),

- Einarbeitung ökologischer Ziele mit partieller Zielharmonie; Übernahme des Leitbildes der "nachhaltigen Raumentwicklung",
- Konvergenz von Raumordnung und Regionalpolitik zur "regionalen Entwicklungs-

politik",

- Europäische Integration und Globalisierung führen zu neuen Herausforderungen,

- Europäisierung der Regionalpolitik und Ansätze zu einer europäischen Raumordnungs-

politik unter aktiver Mitwirkung Deutschlands.

1993 "Raumordnungspolitischer Orientierungsrahmen"

1995 "Raumordnungspolitischer Handlungsrahmen"

1997/99 "Europäisches Raumordnungskonzept" EUREK

 

 


Theorie der Raumplanung

Grundbegriffe "Raum", "Planung" und "Raumplanung"

Zur gesellschaftspolitischen Legitimation von Raumplanung: Argumente und Gegenargumente

Ausgewählte Theorieansätze aus verschiedenen Disziplinen:

Raumplanung als technische Problemlösung (Meise u. Volwahsen)

Raumplanung in juristisch-staatswissenschaftlicher Sicht (Lendi)

Raumplanung in wirtschaftswissenschaftlicher Sicht (Brösse)

Raumplanung als Produktion von Standorten (Bökemann)

Raumplanung als politischer Prozeß (Hübler, Fürst u. Selle)

Raumplanung in der Postmoderne bzw. im Postfordismus

Grundlegende Literatur zur Theorie der Raumplanung:

Aigner, Birgit und Manfred Miosga (1994): Stadtregionale Kooperationsstrategien. Neue Herausforderungen und Initiativen deutscher Großstadtregionen. Kallmünz: Laßleben. 199 S. = Münchener Geogr. Hefte 71.

Bischoff, Ariane, Klaus Selle und Heidi Sinning (1995): Informieren, Beteiligen, Kooperieren. Kommunikation in Planungsprozessen. Eine Übersicht zu Formen, Verfahren, Methoden und Techniken. Dortmund: Dortmunder Vertrieb f. Bau- u. Planungslit. 174 S. = Kommunikation im Planungsprozeß 1.

Bökemann, Dieter (1982): Theorie der Raumplanung. Sozialwissenschaftliche Grundlagen für die Stadt-, Regional- und Landesplanung. München: Oldenbourg. 477 S.

Brösse, Ulrich (1982): Raumordnungspolitik. 2. Aufl. Berlin: de Gruyter. 200 S.

Campbell, Scott und Susan Fainstein (Hg.) (1996): Readings in planning theory. Oxford: Blackwell. 560 S.

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Selle, Klaus (Hg.) (1996): Planung und Kommunikation. Gestaltung von Planungsprozessen in Quartier, Stadt und Landschaft. Grundlagen, Methoden, Praxiserfahrungen. Wiesbaden: Bauverl. 505 S.

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Szenarien in der Stadtentwicklung (1989). Zum Stand der Diskussion. Mit Beitr. v. H. Arras u.a. Dortmund: ILS. 200 S. = ILS-Taschenbücher.

 

Grundbegriffe "Raum", "Planung" und "Raumplanung"

Zur gesellschaftspolitischen Legitimation von Raumplanung

"Raum":

= zentraler Begriff der Geographie und Raumplanung; dennoch wird er häufig im alltagsweltlichen Sinne ohne gründlichere Reflexion benutzt.

Philosophische Raumkonzepte:

1) absoluter Raum, sog. "Behälter-Raum" (I. Newton): gedanklich vorstellbar als Kasten, dessen Wände unendlich weit nach außen verschoben sind; bei Newton: absoluter (göttlicher) Bezugsrahmen der klassischen Mechanik;

2) relationaler Raum (G. Leibniz); Raum als "ordo coexistendi" der materiellen Welt;

3) Raum als "Anschauungsform" (I. Kant); Raum und Zeit als den Sinneseindrücken vorangehende ("a priori") Bedingungen der Erkenntnis.

Darauf basieren die neueren Raumkonzepte in den Wissenschaften:

4) Individuelle Raumkonzepte: wahrgenommener Raum, "gelebter Raum" ("espace vécu");

5) Raum als natürliche bzw. materielle Umwelt des Menschen,

6) Gesellschaftliche Raumkonzepte: politisches Territorium, wirtschaftlicher Funktionsraum, Absatzraum eines Unternehmens, Aktionsraum eines Menschen, "Matrix-Raum".

In der Raumplanung wird Raum immer verstanden als "Lebensraum", d.h. als Synthese von physischem Raum und menschlicher Nutzung (Sphäre des Menschen); Elemente: Landschaft, Wirtschaft, politisch-territorialer Raum usw.

 

"Planung":

Im allgemeinen Sinne ist Planung die vorwegnehmende Koordination menschlicher Handlungen und deren Steuerung über längere Zeit (in Anlehnung an den Sozialwissenschaftler Fritz Scharpf). Die Formen der Planung können sehr unterschiedlich sein.

 

"Raumplanung" (nach M. Lendi):

Raumplanung ist die vorwegnehmende Koordination von raumwirksamen menschlichen Handlungen und deren Steuerung über längere Zeit. Raumplanung umfaßt alle räumlichen Planungen der öffentlichen Hand auf allen Ebenen (Gemeinde bis supranationale Ebene) sowie in allen raumrelevanten Sachgebieten (Umwelt, Wirtschaft, Verkehr, Siedlung usw.).

Der "Raumbezug" ist darin in zweifacher Weise enthalten:

a) "raumwirksam", "raumrelevant": Problem der Bezugnahme auf "Raum" mit dessen semantischer Vieldeutigkeit;

b) "räumliche Planung": Bezugnahme auf die institutionalisierte Planungsverwaltung (so wie sie sich vor allem in D, NL, CH und AU entwickelt hat).

 

 

Zur gesellschaftspolitischen Legitimation von Raumplanung:

Argumente und Gegenargumente

Liberale Position:

Räumliche Disparitäten sind eine unvermeidbare, aber auch nur vorübergehende Folge von Marktmechanismen, insb. als Folge von gewandelten Standortanforderungen und unterschiedlichen Marktanpassungsgeschwindigkeiten. Die Autonomie individueller Standortentscheidungen und der Markt-Preis-Mechanismus führen (jedenfalls auf längere Sicht) optimalen Allokation der Produktionsfaktoren und damit zur Maximierung des Sozialprodukts. Die Mobilität der Faktoren Arbeit und Kapital (sowie Wissen) bewirkt Disparitätenausgleich ("Konvergenz-Theorem"). Der Staat kann nicht klüger sein als die Summe der individuellen Akteure. Staatliche Eingriffe qua Raumordnung sind deshalb nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, weil sie zu Verzerrungen der Märkte und letztlich zu Wohlfahrtseinschränkungen führen. Fazit: Raumplanung und Strukturpolitik sind ordnungspolitisch fragwürdig!

Marxistische Position:

Räumliche Disparitäten sind Ausdruck gesellschaftlicher Klassengegensätze: der unaufhebbaren Widersprüche zwischen den Interessen des Kapitals und den Interessen der Bevölkerung. Innerhalb der Staatsgebiete bestehen unterschiedliche Voraussetzungen für die Kapitalverwertung. Die Vertreter des Kapitals (Unternehmer und ihre "politischen Hilfstruppen") setzen ihre Kapitalverwertungsinteressen durch und bestimmen die Standorte der Produktion, d.h. sowohl deren Gründung als auch deren Schließung. Dadurch entstehen Krisenregionen wie ländliche Entleerungsräume und altindustrielle Regionen; verallgemeinert: Zentrum-Peripherie-Gegensätze als räumlicher Ausdruck der Klassen-Gegensätze. Diese Gegensätze sind im kapitalistischen System unaufhebbar. Raumordnung kann sie allenfalls übertünchen und verschleiern. Einzige Lösung: Die werktätige Bevölkerung übernimmt die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, d.h. insb. über das Kapital, und plant die räumliche Struktur nach ihren Interessen.

 

Sozialstaatliche Position

Räumliche Disparitäten sind eine Folge von Marktmechanismen. Wie die Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrhunderte belegen (und wie die neuere Theoriebildung auch verständlich mach), tendieren diese jedoch keineswegs automatisch zum Ausgleich. Außerdem hat sich gezeigt, daß der "Markt" nicht nur auf dem sozialen Auge, sondern auch auf dem ökologischen Auge "blind" ist. Konsequenz: Der Staat hat die Aufgabe, korrigierend einzugreifen. Ohne das marktwirtschaftliche System im ganzen aufzuheben, muß der Staat versuchen, räumlichen Disparitäten entgegenzuwirken und den Raubbau an der Natur zugunsten einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen zu verhindern. Aus dieser Konzeption lassen sich unterschiedlich akzentuierte Konzeptionen der Raumordnung ableiten:

a) Raumordnung als "räumliche Sozialpolitik",

b) Raumordnung als "räumlichre Entwicklungspolitik",

c) Raumordnung als "räumliche Umweltpolitik".

 

Grün-alternative Position

Diese Position geht von der doppelten Kritik aus:

1) Freie Ökonomie führt zu einem Raubbau an den natürlichen Ressourcen (Natur-Blindheit),

  1. Integration lokaler und regionaler Räume in überregionale/globale Verflechtungszusammenhänge

führt zu Abhängigkeiten:

- der lokalen und regionalen Ökonomien,

- der Individuen von sozialstaatlichen Versorgungssystemen.

Forderung neuer raumpolitischer Akzente:

Abkoppelung),

(z.B. regenerative Energien),

baren Größenordnungen.

Fazit: Raumordnung auf lokaler und regionaler Ebene, aber mit neuen Zielen und Leitbildern.

 

Ausgewählte Theorieansätze aus verschiedenen Disziplinen:

 

Raumplanung als technische Problemlösung (Meise u. Volwahsen)

Beispiel:

Meise, Jörg und Andreas Volwahsen (1980): Stadt- und Regionalplanung. Ein Methodenhandbuch. Braunschweig: Vieweg. 377 S.

Stadt- und Regionalplanung (Raumplanung) wird verstanden als technische Problemlösung. Raumplanung wurde bisher häufig unprofessionell betrieben und war geprägt durch Ad-hoc-Entscheidungen. Die meisten Planer sind (bzw. waren seinerzeit) Autodidakten, die ganz unterschiedliche Disziplinen studiert haben und deshalb auch mit sehr unterschiedlichen Methoden ihr Handwerk betreiben. Tatsächlich hat der Planer jedoch einen umfangreichen Instrumentenkasten aus unterschiedlichen Disziplinen zur Verfügung, mit Hilfe dessen er die von der Politik gestellten Aufgaben wissenschaftlich professionell angehen und "nach dem Stand der Technik" lösen kann. Es gibt keine umfassende Theorie der Raumplanung, sondern ein breites Spektrum von professionellen Methoden, derer sich der Planer bedienen kann.

Die Ziele werden zwar von der Politik vorgegeben, im Sinne einer wissenschaftlichen Politikberatung kann aber auch die Findung und Systematisierung von Zielen vom Planer vorbereitet und vorgeschlagen werden.

Das Handbuch ist gegliedert in Anlehnung an den idealtypischen Verlauf eines linearen Planungsprozesses:

1. Informationsgewinnung,

2. Informationsverdichtung,

3. Ziel- und Problemstrukturierung,

4. Analyse (Zusammenhänge und Wirkungen, Raumtypisierung),

5. Planentwicklung (Leitbilder, Planelemente, inhaltliche Teilkonzepte, Planalternativen),

6. Prognosen (Expertenschätzung, Szenario, Trendprojektion, Simulation).

7. Bewertung (Nutzen-Kosten-Analyse, Nutzwertanalyse, Bewertungskonflikte usw.).

 

 

 

Raumplanung in juristisch-staatswissenschaftlicher Sicht (Lendi)

Beispiel:

Lendi, Martin (1988): Grundriss einer Theorie der Raumplanung. Einführung in die raumplanerische Problematik. Zürich: Verlag der Fachvereine. 140 S.

Rechtswissenschaftliche Grundlegung der Raumplanung. Als öffentliche Aufgabe und als politisch-administratives System benötigt die Raumplanung Rechtsnormen (Handlungsregeln). Da das Raumplanungsrecht ein verhältnismäßig junges Rechtsgebiet ist, ist die Ableitung und Begründung der raumplanerischen Rechtsnormen aktuell.

Zwei wichtige Quellen für normatives Handeln:

(1) Latente Normen in den vermeintlich wertfreien, objektiven Theorien, z.B. in den Raumwirtschaftstheorien wie Zentrale-Orte-Theorie. Meist unausgesprochene Absicht, daß die Theorie eine Wahrheit enthält, die die Praxis beachten soll. Ebenso Theorie der Nachhaltigkeit.

(2) Noch wichtiger sind die in der Gesellschaft vorhandenen (und einer historischen Wandlung unterliegenden) Normen. Dazu gehören die vorhandenen Gesetze, Rechtsverordnungen etc., aber auch die informellen Normen wie Werthaltungen, Sitte, Moral.

Raumplanung ist als öffentliche Aufgabe in das Normensystem des Staates eingebunden. Das heißt: Der Staat (genauer: die Parlamente) setzt die Normen. Er orientiert sich dabei an den gültigen und herrschenden Werthaltungen und vermeidet zu große Abweichungen. Er eröffnet jedoch der planenden Verwaltung bewußt Ermessensspielräume, die im Planungsvollzug ausgefüllt werden können. Dadurch werden im Verwaltungsvollzug die Normen ausgestaltet, konkretisiert und ggfs. auch wieder revidiert. Planung steht insofern immer in einer Spannung zwischen Normen und Realität. Wenn diese Spannung zu groß wird, wird die Planung zur Utopie und ihre gesellschaftliche Akzeptanz geht verloren. Wenn die Spannung zu klein wird, vollzieht Planung nur die Realität nach und macht sich damit überflüssig. Weil Planung immer auf (gesellschaftlich und parlamentarisch vorgegebenen) Normen basiert und ihrerseits Normen (innerhalb ihrer Planungsspielräume) setzt, ist Planung niemals nur ein Verwaltungsvollzug, sondern immer auch ein politischer Prozeß.

 

 

 

Raumplanung in wirtschaftswissenschaftlicher Sicht (Brösse)

Beispiel:

Brösse, Ulrich (1982): Raumordnungspolitik. 2. Aufl. Berlin: de Gruyter. 200 S.

Der Verfasser ist Volkswirt und entwirft ein systematisches Gebäude der überörtlichen Raumplanung (Brösse: Raumordnungspolitik) in Anlehnung an die seit längerem bestehende und wissenschaftlich und instrumentell weiter ausgereifte Wirtschaftspolitik, hier jedoch bezogen auf Regionen und raumrelevante Themen wie Landschaft, Flächennutzung und andere Raumfunktionen.

Das System der Raumordnungspolitik ist ein (gedankliches) Ziel-Mittel-System.

Das Zielsystem ist hierarchisch aufgebaut und gliedert sich in Grundsätze, Ober- und Unterziele. Die Ziele werden von der Politik vorgegeben; aber die Wissenschaft beteiligt sich an der politischen Diskussion um die Aufstellung und Weiterentwicklung eines raumordnungspolitischen Zielsystems.

 

"Instrumentarium" der Raumordnungspolitik:

- räumliche Organisationsmittel (Zentrale Orte, Achsen, Regionen usw.);

- Mittel der direkten Raumgestaltung (Gestaltungsmittel): Infrastruktur, Gewerbeparks;

- Zwangsmittel (insb. Festlegung von Flächennutzungen, sonstige Ge- und Verbote),

- Anreiz- bzw. Abschreckungs- und Anpassungsmitel (sog. "Incentives" wie Investitions-

zuschüsse oder "Disincentives" wie Parkraumbewirtschaftung oder Road Pricing);

- Information und Kommunikation (Informationsflüsse zwischen staatlichen Stellen sowie
zwischen staatlichen und privaten Stellen);

- Pläne und Programme als Instrumente;

- Verteilung der Finanzmittel auf die Träger der Raumordnungspolitik (einschl. vertikale und

horizontale Finanzausgleiche).

 

Raumplanung als Produktion von Standorten (Bökemann)

Text:

Bökemann, Dieter (1982): Theorie der Raumplanung. Regionalwissenschaftliche Grundlagen für die Stadt-, Regional- und Landesplanung. München: Oldenbourg. 477 S.

Ausgangspunkt: Unzufriedenheit mit der Theoriearmut und dem Inkrementalismus der raumplanerischen Praxis. Da sich die Raumplanung zunehmend als eigene Disziplin formiert, benötigt sie eine theoretische Basis. Dafür reicht aber die der traditionellen Neoklassik verhaftete Theoriebildung der regional science (z.B. W. Isard) nicht aus; sie sind vielmehr durch eine Einbeziehung von Denkansätzen der Neuen Politischen Ökonomie (z.B. B. Frey) und Ansätzen aus anderen Wissenschaften (Politikwiss., Soziologie, Geographie) zu ergänzen.

Kernthesen:

Darauf aufbauend wird eine politisch-ökonomische Theorie der Standortproduktion und der gerechten Standort und Siedlungsstruktur in einem Staat entworfen.

 

Raumplanung als politischer Prozeß (Hübler, Fürst u. Selle)

 Anforderungen an eine zukunftsorientierte Raumplanung (nach K.-H. Hübler, verändert)

Aspekt

Derzeitige traditionelle Raumplanung

Erforderliche zukunftsorientierte Raumplanung

sachlich

Raum wird verstanden als "Nutzungsraum" und als "Behälter" von Standorten menschlicher Tätigkeiten

Daneben müssen die Erhaltungs- und Stabilisierungsrechte gleichberechtigt mit berücksichtigt werden

zeitlich

Lineare Folge von Plan und Realisierung ohne Langfristbetrachtung

Neben- und Folgewirkungen von Entscheidungen sowie intergenerativen Interessensausgleich beachten

räumlich

Inselplanung

Auswirkungen in benachbarten Planungsräumen und global beachten , Gedankenmodell "Umweltraum"

institutionell

Raumplanung als hoheitliche Staatstätigkeit

geplante und programmierte Gemeinschaftsaufgabe von Staat, Bürgern und anderen Akteuren (Verbände, Unternehmen usw.) mit Partizipation und Rückkopplung

 

Probleme der "traditionellen Planung":

Grundlagenprobleme:

undemokratisch

Macht der Verwaltung

autoritär

Gott-Vater-Modell der Planung

zweckrational

szientifische, instrumentelle Rationalität

Anwendungsprobleme:

unterkomplex

informationelle Überforderung

 

Scheitern von Planungen

Umsetzungsdefizit

unflexibel

 

Traditionelle Planung        Diskursive Planung

Chancen

zweckrational

diskursive Rationalität (Ideen, Normen,
Interessen)

 

Moderation des Lösungssuchprozesses

unterkomplex

komplexe Planungs- und Kommunikations-
techniken

Umsetzungsdefizit

umsetzungsorientierte Projekte,
Aktionsprogramme

Probleme

autoritär

Konsens/Dissens von Individual- u. Gruppen-
interessen

undemokratisch

Wessen Stimmen werden gehört im Diskurs?

 

Raumplanung in der Postmoderne bzw. im Postfordismus

Der programmatische Titel dieses Abschnitts setzt voraus, daß es tatsächlich eine Ära der "Postmoderne" gibt, die "die Moderne" inzwischen abgelöst habe. Hierzu gibt es zwei einflußreiche Deutungsangebote:

 1) Moderne - Postmoderne;

Varianten: Moderne- Spätmoderne (A. Giddens) oder reflexive Moderne (U. Beck);

2) Fordismus - Postfordismus (Theorie der Regulation)

Zu 1) Konzept der "Postmoderne":

Entwickelt vor allem in der Architektur, Kunst, Philosophie und Soziologie. Deutung der kulturellen Entwicklung in der Weise, daß die "Erzählungen" des Projekts der Moderne ihre Überzeugungskraft verlieren. An deren Stelle tritt nun aber keine neue "Mega-Erzählung" mit kultureller Hegemonie, sondern eine Vielfalt neuer und teilweise auch alter, bisher unterdrückter "Erzählungen". Für unseren Zusammenhang ist weniger das philosophisch-epistemologische Postmoderne-Konzept relevant als vielmehr das postmoderne Denken in der Architektur, Soziologie und Humangeographie.

Ästhetik:

Formensprache der "Moderne" war abgeleitet aus der Hegemonie der Funktion.

Leitgedanke der Bauhaus-Ästhetik: Schön ist das, was funktional ist; Schmuck ohne Funktion ist Kitsch. Der Siegeszug der "modernen Architektur" ("internationaler Stil") mit klaren kubistischen Formen, glatten Fassaden und Verzicht auf Ornamente führte jedoch in den 70er Jahren zum Umkippen des ästhetischen Empfindens: gründerzeitliche Stuckfassaden wurden rehabilitiert; es wurde "in", Kitsch schön zu finden; Neubauten wurden zunehmend mit funktionslosen Ornamenten versehen, teils als historische Stilzitate, teils mit einer neuen phantastischen Formensprache.

Soziologie-Politik:

Die philosophische Grundlage der Moderne ist die Aufklärung, deren Maxime Kant auf den Punkt gebracht hat: Durch den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" kann er mit Hilfe seiner "ratio" die wesentlichen Probleme des menschlichen Zusammenlebens lösen: durch eine rationale Politik, durch eine rationale Ökonomie, durch technischen Fortschritt. Dies ist das "Projekt der Moderne". Heute ist das gesamte wissenschaftlich-technische System immer mehr in die Defensive geraten: Neben allen unbestrittenen Fortschritten sind gerade auch durch den technischen Fortschritt neue Risiken und Probleme entstanden: riskante Großtechnologien wie Atom- und Biotechnologie, neue Probleme wie Umweltbelastung, anthropogener Klimawandel usw.

Folge: Der aufklärerische Fortschritts-Optimismus hinsichtlich technischem Fortschritt und gesellschaftlichem Fortschritt ist brüchig geworden. Für die Politik ist der Zerfall des Fortschritts-Optimismus in zweierlei Hinsicht zentral:

1) der durch Fortschritt und Modernisierung geprägte bisherige grundsätzliche Ziel-Konsens schwindet;

2) die bisher selbstverständliche Annahme einer rationalen Gestaltbarkeit von Gesellschaft und Raum schwindet.

 

Humangeographie:

Insbesondere im anglo-amerikanischen Raum viel diskutierte These: Humangeographie kann eine zentrale Position in den postmodernen Sozialwissenschaften erhalten. Zwei wirkungsvolle "Narrative der Moderne": a) Marxismus, b) Naturalismus/Positivismus, beide führten zu einer Unterordnung des Raums in der Gesellschaftswissenschaft. Grund: Geographie wurde nicht als "gemachte Geographie", als sozial produzierter Raum aufgefaßt, sondern als physischer Hintergrund, der mit der Zurückweisung des Umweltdeterminismus uninteressant wurde. Weiterer Grund: Annahme der Moderne, daß regionalistische Bewegungen grundsätzlich reaktionär sind. - Entwicklung der Geographie: im 20. Jh. weitgehende Abkoppelung von der gesellschaftswissenschaftlichen Theoriebildung, Rückzug auf Faktendeskription und vordergründige "Anwendung" für Militär, Planung etc.

Erster zentraler Ansatz: Landschaften und Orte sind konstruiert durch Akteure, die unter bestimmten wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, jedoch in der Regel nicht selbst gewählten Umständen handeln. Landschaften werden "gelesen", so daß das Problem der (kulturellen) Repräsentation entsteht. Landschaft als kulturelles Zeichensystem im Spannungsverhältnis zum Politischen, Wirtschaftlichen etc. Obwohl eine umfangreiche theoretische Literatur zur Ästhetik existiert und andererseits das 'Lesen' und 'Deuten' von Landschaft in der Geographie eine große Tradition hat (die allerdings um 1970 abbrach), ist eine Methodologie des Erlebens ästhetischer Umwelten kaum ausgebildet. Ein solches kritisch-hermeneutisches Programm müßte Subjektivität bewußt zulassen.

Zweiter Ansatz: Postmoderne mißtraut universellen "Metaerzählungen" und bestreitet die Möglichkeit genereller Erklärungen in den Sozialwissenschaften. Deshalb sind nur geographisch singuläre Beschreibungen ("dichte Beschreibungen" im Sinne von C. Geertz) möglich. Dafür vier Anforderungen: Komplexität, Kontextualität, Kontingenz und Kritikalität. Postmoderner Regionalismus überwindet nomologische Theorien (wie neoklassische Standorttheorien, aber auch politökonomische Theorien wie die Theorie des Postfordismus) und betont, daß "Regionen" in ihrer individuellen Komplexität ernstgenommen werden müssen; sie selbst beeinflussen nicht nur, was wir wissen, sondern auch wie wir etwas wissen. Beispiel: Armut in New York ist etwas fundamental Verschiedenes gegenüber Armut in London oder Mexiko.

 

Zu 2) Konzept des Postfordismus

Das Konzept ist Teil einer weiter gespannten Theorie (besser: Familie verwandter Theorien), der sog. "Regulationstheorie". In polit-ökonomischer, insb. marxistischer Denktradition geht diese Theorie von einem engen Nexus zwischen dem historisch konkreten Regelsystem der Ökonomie eines Landes ("Akkumulationsregime") und dem historisch konkreten Regelsystem der Gesellschaft des betreffenden Landes ("Regulationsmodus") aus. Die Entwicklung von Ländern wird geprägt durch Phasen relativer Stabilität, in denen Akkumulationsregime und Regulationsmodus aufeinander abgestimmt und fest miteinander verknüpft sind, sowie krisenhaften Phasen des Umbruchs.

Beispielsweise war die Epoche des Fordismus (benannt nach Henry Ford, der zu Beginn der 20er Jahre erstmals das Fließband in der Automobilproduktion einführte und das Auto damit zu einem erschwinglichen Massen-Konsumgut machte) geprägt durch einen strukturellen Zusammenhang zwischen dem Akkumulationsregime (Massenfertigung zur Ausnutzung von Skalenerträgen, Großbetriebe, hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad, relativ gesicherte Arbeitsverhältnisse) und dem gesellschaftlichen Regulationsmodus (ausgebaute soziale Sicherungssysteme, standardisierte Massenkonsumstile, starre Zeitordnungen usw.).

 

Historische Entwicklungstypologie:

Zeit

Akkumulationsregime

Regulationsmodus

Arä

bis ca. 1850

Handwerkliche Einzelfertigung

"Nachtwächterstaat" Ständische Gesellschaft

?

bis ca. 1925

Kleinindustrielle Serienfertigung

Liberalismus Klassengesellschaft

Manchester-Kapitalismus

bis ca. 1975

Großindustrielle Massenfertigung

Wohlfahrtsstaat Mittelstandsgesellschaft Massenkonsum

Fordismus

seit 1975

Flexible Spezialisierung? Neo-Fordismus?

Unternehmer-Staat ? Pluralisierung der Lebensstile?

Postfordismus

Entwurf: H. H. Blotevogel 1998

 

Regulationstheoretische Interpretation des Übergangs vom "Fordismus" zum "Postfordismus"

Rigides Akkumulationsregime und "fordistischer" Modus der sozialen Regulation

Flexibles Akkumulationsregime und "postfordistischer" Modus der sozialen Regulation

Produktionsprozeß

Basis: Economies of scale

Basis: Economies of scope

Massenproduktion homogener,standardisierter Produkte

Flexible Produktion heterogener Produkte in kleinen Losgrößen

Umfangreiche Lagerhaltung

Geringe Lagerhaltung

Qualitätssicherung ex-post

Qualitätssicherung integriert

Vertikale Integration

Vertikale Desintegration

Unternehmen als autonome Akteure im Wettbewerb

Neue Formen der zwischenbetrieblichen Kooperation und Abhängigkeit

Arbeit

Funktionale räumliche Hierarchien

Regionale Cluster und Netzwerke

Homogene regionale Arbeitsmärkte (interregionale Segmentierung)

Intraregional (und interregional) segmentierte Arbeitsmärkte

Weltweite Zulieferbeziehungen

Regional spezialisierte Wertschöpfungsketten

Zeitliche Abfolge von Urbanisierung und Suburbanisierung

Gleichzeitigkeit von Suburbanisierung, Desurbanisierung und Reurbanisierung

Sozial integrierte "Mittelschicht-Stadt"

Sozialräumliche Desintegration der Städte ("Drei Stadtwelten")

Stadt als "funktionierendes System"

Stadt als "Bühne" und "Arena"

Welt als Mosaik von Nationalstaaten, Nationalkulturen und Volkswirtschaften

Gleichzeitigkeit von Globalisierung und Regionalisierung der Ökonomie, Politik und Kultur

Hierarchischer Staatsaufbau (Nationalstaat-Gemeinden)

Fragmentierte Staatstätigkeit, intermediäre regionale Organisationen

Staat

Kollektives Handeln (und Verhandeln)

Individualisiertes Handeln (lokales und firmenbezogenes Verhandeln)

Wohlfahrtsstaat (Sozialisierung der Wohlfahrt)

"Unternehmer"-, "Nachtwächter"- und Suppenküchen"-Staat

Zentralisierung (Nationalstaat)

Dezentralisierung (Gemeinden, Regionen)

Staat und Stadt als Versorger

Staat und Stadt als Unternehmer

Raumordnung und Landesplanung

Flexible Entwicklungspolitik

Indirekte Steuerung der Wirtschaft (Globalsteuerung)

Direkte Staatsinterventionen (Projektförderung und Projektmanagement)

Nationale Regionalpolitik

Regionalisierte Strukturpolitik

Ideologie / Kultur / Verhaltensnormen

Massenkonsum von standardisierten Konsumgütern: "Mittelschicht-Kultur"

Heterogene Konsummuster, insb. von Dienstleistungen: u.a. "Yuppie-Kultur"

Homogener Lebensstil ("Normalität" als kulturelle Norm)

Heterogenität der Lebensstile (Vielfalt der Kulturen)

Starre Zeitregimes (Arbeiten,Schlafen, Einkaufen etc.)

Flexible Zeitstrukturen

Normhaushalt Kleinfamilie

"Neue Haushaltstypen" (Singles, Partnerschaften auf Zeit usw.)

"Moderne"

"Postmoderne"

Ideologie: Sozialisierung, Gleichheit

Ideologie: Individualisierung, Freiheit

Entwurf: H. H. Blotevogel in Anlehnung an F. Moulaert und E. Swyngedouw 1989.

Am eingehendsten haben sich die Regulationstheoretiker mit dem Übergang vom Fordismus zum Postfordismus befaßt. Sie argumentieren, daß sich das fordistische System seit 1975 in der Krise und partiellen Auflösung befindet. Allerdings zeichnen sich die Konturen eines neuen postfordistischen System noch nicht eindeutig ab. Die bisherigen Deutungsversuche sind eher widersprüchlich.

Wenn diese Interpretation stimmt, dann haben sich wesentliche Randbedingungen der Raumplanung verändert, und ihre Rolle muß grundsätzlich neu bestimmt werden.

 

H. H. Blotevogel: Zur Neuorientierung der Raumordnungspolitik heute

(Auszüge aus einem unveröffentlichten Vortragsmanuskript)

Ausgangspunkt: weitgehende Einigkeit unter Politik- und Sozialwissenschaftlern, daß die Rolle des Staates und des staatlichen Handelns generell gegenwärtig einer weitreichenden Revision unterworfen ist. Die wichtigsten Hintergründe dafür:

1) Internationalisierung und Globalisierung der Ökonomie. Mit dem Argument der globalen Wettbewerbsfähigkeit entzieht sich die Ökonomie de facto der politischen Steuerbarkeit und wird autonom, während andererseits die Politik erpreßbar wird. Die Folge ist eine Ökonomisierung des politisch-administrativen Handelns.

2) Krise des Nationalstaates. Zwar geht Kenichi Ohmae (1995) wohl entschieden zu weit, wenn er schon das "End of the Nation State" konstatiert, aber ein relativer Bedeutungsverlust der Nationalstaaten ist - zumal in Europa - unübersehbar. Die Idee des Nationalstaates entstammt bekanntlich dem 18. und 19. Jahrhundert und beruht auf dem Axiom, daß sich die Menschheit in natürliche homogene, territorial abgrenzbare Nationen aufgliedert und daß jede Nation ihre politischen Angelegenheiten in einem Staat umfassend organisiert. Diese Vorstellung der Welt als eines Mosaiks von autonomen Nationalstaaten ist heute illusionärer denn je. Vor allem in Europa gerät der Nationalstaat in eine sog. "Sandwich-Position" zwischen der europäischen Ebene einerseits und der lokal-regionalen Ebene andererseits. Idealtypisch zugespitzt: Der monolithische Nationalstaat wird ersetzt durch ein komplexes föderales Mehr-Ebenen-System, in dem die Aufgaben nach dem Subsidiaritätsprinzip verteilt sind.

3) Verlust staatlicher Durchsetzungs- und Gestaltungsmacht als Ergebnis der fortschreitenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Das Politische wandert aus den offiziellen Arenen - Parlament, Regierung, politische Verwaltung - in die Grauzone des Korporatismus ab. Habermas (1985) mein etwas Ähnliches, wenn er von der "Neuen Unübersichtlichkeit" spricht. Einerseits stößt die Politik mit dem Ausbau des keynesianischen Sozialstaates an ihre Grenzen, andererseits fällt die gesellschaftliche Gestaltungsmacht immer mehr der Forschung, der Technologie und der Wirtschaft zu. Dadurch wandert die Politik in die "Subpolitik" der Verbände, der Wirtschaft etc. ab. Die "neue Gesellschaft" wird nicht mehr durch parlamentarische Debatten gestaltet, sondern durch die technisch-wirtschaftliche Umsetzung von Mikroelektronik, Informationsmedien usw. geprägt.

4) In der "Spät-" oder gar "Postmoderne" ist der Staat nicht mehr der umfassend vorsorgende und regulierende Leistungsstaat, der straff hierarchisch organisiert ist und dessen Handeln durch ein konsistentes Zielsystem gesteuert würde. Die öffentliche Hand differenziert sich vielmehr ebenso wie die Gesellschaft insgesamt immer mehr in eine Vielzahl teilautonomer Einheiten aus, die in der politischen Arena als Akteure mit eigenen Zielen und Interessen auftreten. Wenn die politischen Akteure in dieser Arena Erfolg haben wollen, müssen sie sich von der Illusion eines übergreifenden konsistenten Ziel-Mittel-Systems verabschieden und statt dessen in das politische Spiel der Arena eintreten. Dabei sind zwei Grundregeln zu beachten: Erstens muß man die Spielregeln der Arena beherrschen - das meint insbesondere die Spielregeln der Kommunikation. Zweitens muß man bereit sein, flexibel Handlungskoalitionen auf Zeit zu bilden, um sich gegenüber anderen Akteuren durchzusetzen.

5) Einen Schritt weiter geht die sog. Regulationstheorie mit ihrer Unterscheidung zwischen der Nachkriegsära des "Fordismus" und der um die Mitte der 70er Jahre einsetzenden Ära des "Postfordismus". Ein Charakteristikum der "postfordistischen Ära" ist die Krise der staatlichen Steuerungsfähigkeit und die daraus resultierende Diskussion um eine Neubestimmung der öffentlichen Planung und speziell der Landes- und Regionalplanung. Allerdings sollte man an Stelle der weitreichenden Annahme einer "Krise der staatlichen Steuerungsfähigkeit" vielleicht besser etwas präziser formulieren "Krise der traditionellen staatlichen Steuerungsformen", denn es ist eine durchaus unbewiesene Annahme, daß die staatliche Steuerungskapazität in der Ära des Fordismus generell größer war als heute.

Damit bedarf auch das traditionelle landes- und regionalplanerische Instrumentarium mit seiner ausdifferenzierten rechtsverbindlichen Normenhierarchie von Grundsätzen und Zielen sowie vor allem einer Steuerung der Landes- und Regionalentwicklung über räumlich konkretisierte Funktions- und Nutzungszuweisungen einer grundsätzlichen Revision. Das administrativ aufwendige und zeitraubende Verfahren der Aufstellung und Novellierung von rechtsverbindlichen Programmen und Plänen hat sich nicht nur als unflexibel erwiesen, sondern auch nicht die praktische Wirksamkeit entfaltet, die zu Zeiten der Etablierung des Systems in der Zeit der Planungseuphorie zwischen 1964 und 1974 erwartet wurde.

Darüber hinaus war das traditionelle Instrumentarium der Raumplanung im wesentlichen im Sinne einer "passiven Lenkung", d.h. einer Steuerung von Standortentscheidungen über raumdifferentielle Privilegierungen und Diskriminierungen, angelegt. Dadurch geriet die traditionelle Raumordnung in eine wenig glückliche Asymmetrie, denn mit ihrem Instrumentarium konnte sie zwar - bestenfalls - einige negative Entwicklungen verhindern, aber kaum neue positive Entwicklungen anstoßen und voranbringen. Diese Defizite führten zu der gelegentlichen Einschätzung der Raumordnung als einem der tatsächlichen Entwicklung lediglich hinterherlaufenden "Raum-Notariat" und - schlimmer noch - als einer neue Entwicklungen blockierenden "Verhinderungs-Planung".

Es wäre jedoch kurzschlüssig und in Anbetracht drohender Fehlentwicklungen (Zersiedlung, Verkehrszunahme, Freiraumverbrauch, Hemmnisse des Strukturwandels, Verlust der Standortattraktivität usw.) geradezu fatal, im Zuge einer naiven Deregulierungseuphorie die Instrumente der Raumordnungspolitik einfach abzuschaffen. Die Resultate einer neoliberalen Politik des Reaganismus und Thatcherismus sind m.E. alles andere als überzeugend. Es kann weder um ein krampfhaftes Festhalten am traditionellen Wohlfahrtsstaat mit seinem rigiden fordistischen Raumplanungssystem gehen noch um eine bedenkenlose neoliberale Deregulierung, bei der die Raumplanung entweder zu einer prinzipienlosen Inkrementalismus degeneriert oder gleich ganz abgeschafft wird.

Entscheidend ist vielmehr eine Neubestimmung des staatlichen Handelns vor dem Hintergrund der tiefgreifend veränderten Bedingungen und in sozialer und ökologischer Verantwortung. Für die Raumordnungspolitik bedeutet dies, daß - neben einer gewissen Entfeinerung und Flexibilisierung des bestehenden landes- und regionalplanerischen Instrumentariums - zwei zentrale Innovationen die gesamte "Kultur" der Raumplanung verändern:

Erstens ist das Selbstverständnis der Landes- und Regionalplanung stärker an einer aktiven Entwicklungsplanung auszurichten. Dabei müssen die wesentlichen Grundsätze und Inhalte von "Entwicklung" selbstverständlich politisch und sinnvollerweise auch durch mittelfristig fixierte Rechtsnormen vorgegeben werden. Aber in der administrativen Praxis sollte versucht werden, die genannten strukturelle Asymmetrie zugunsten einer vorwärts gerichteten Entwicklungsplanung aufzuheben. Das meint eine stärkere Orientierung des raumordnungspolitischen Denkens und Handelns an der Aufstellung von Entwicklungs-Leitbildern, an der Erarbeitung von Handlungsstrategien und an der Initiierung und Umsetzung von konkreten Projekten. Die Raumordnungspolitik wandelt sich damit zu Akteuren des Regional-Managements (Fürst).

Zweitens wandelt sich mit dem veränderten Selbstverständnis der Raumplanung auch die Art ihrer Tätigkeit. Anknüpfend an die planungspolitischen Diskussionen aus den achtziger Jahren um die Nutzung endogener Potentiale wird in der aktuellen planungspolitischen Debatte einer Einbeziehung und Mobilisierung der regionalen Akteure ein hoher Stellenwert eingeräumt. Durch Regionalkonferenzen, regionale Entwicklungskonzepte usw. soll auf der regionalen Ebene ein Konsens über Ziele, Strategien und Maßnahmen der Regionalentwicklung erreicht werden. Ein solcher Modus einer diskursiven, konsensorientierten Planungspolitik verzichtet darauf, die technokratische Rationalität der Planer - gegebenenfalls durch harte Ge- und Verbote - in die Realität umzusetzen, sondern versucht, die Interessen und Handlungsziele der für den Prozeß der Regionalentwicklung wesentlichen Akteure soweit wie möglich einzubeziehen, aufeinander abzustimmen und in praktisches Handeln umzusetzen. Die Raumordnungspolitik kann hier als Moderator bei der Erarbeitung von Leitbildern und Entwicklungsstrategien und bei der Realisierung von Leitprojekten mitwirken. Die Vorsilbe "Leit"- deutet in diesem Zusammenhang an, daß nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch die konsensstiftende Form der diskursiven Erarbeitung, denn ihre volle Wirksamkeit können diese neuen Formen der kooperativen Politik erst entfalten, wenn sie nicht nur die Behördentätigkeit des öffentlichen Sektors, sondern auch das Denken und Handeln der privaten Akteure (Unternehmen, Verbände, Arbeitnehmer, private Haushalte) koordinierend beeinflussen.

Dietrich Fürst hat diese Aufgabe folgendermaßen umschrieben (1995, S. 13): "Wir benötigen regionale ‘Spielmacher’, die in der Lage sind, problemspezifische Netzwerke zu initiieren, möglicherweise auch zu moderieren, zumindest aber die erforderlichen Organisations- und Orientierungsleistungen sicherzustellen, die ‘vernetztes’ regionales Handeln ermöglichen." Wer konkret die Aufgabe solcher "Spielmacher" übernehmen könnte - der Raumordner der Landesregierung, kommunale Vertreter oder externe Moderatoren -, ist damit noch nicht gesagt.

Jedenfalls kommt der Region in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion als indentifikationsfördernder Raum zu; denn eine regionale (statt lokale und statt staatliche) Orientierung des Denkens und Handelns kann die Lösung der zahlreichen Probleme, die weder im kommunalen Raum allein noch durch staatliches Handeln "von oben" allein gelöst werden können, erleichtern. Zu nennen sind hier beispielsweise der öffentliche Nah- und Regionalverkehr, Wirtschaftsförderung und Standort-Marketing, Infrastrukturprojekte (Flughäfen, Güterverkehrszentren usw.), regionale Freiflächenpolitik, regionales Siedlungs- und Gewerbeflächen-Management usw. (Fürst 1991, 1993).

Damit würde die Raumordnung ihr Selbstverständnis ziemlich grundlegend ändern und sich jenseits von gesetzlichen Normen und verbindlichen Programmen und Plänen zu einer prozeßorientierten, moderierenden Tätigkeit im Sinne eines raumbezogenen Entwicklungs-Managements bekennen. In diesem Selbstverständnis spielt die "weiche" Koordination des raumwirksamen Handelns der für den Prozeß der Landes- bzw. Regionalentwicklung wesentlichen Akteure eine zentrale Rolle. Wenn deren Handeln aber nun nicht mehr mit der "Brechstange" der Rechtsnormen, sondern "nur" noch mit "weichen" Anreizmitteln und vor allem mit überzeugungsfähigen Argumenten beeinflußt werden kann, wird Planung zu einem wesentlichen Teil "Kommunikation".

Ein großes Dilemma der "kommunikativen Raumordnungspolitik" liegt darin, daß ihre Themen für die politische Alltagskommunikation zu abstrakt sind. Im Unterschied zur Stadtplanung geht es ihr in der Regel nicht um konkrete Projekte, die sich anschaulich visualisieren lassen, sondern um allgemeinere raumbezogene Ordnungsvorstellungen und Entwicklungsperspektiven, deren Kommunikation ein erhebliches Abstraktionsvermögen voraussetzt. Schon die hochspezialisierte Fachsprache der Raumordnung verweist darauf, daß es sich hier um einen Experten-Diskurs handelt. Wenn Landes- und Regionalplanung jedoch eine Zukunft haben wollen, müssen sie aus dem Ghetto des Experten-Diskurses ausbrechen und versuchen, Teil des öffentlichen politischen Diskurses zu werden.

In dieser Perspektive kann den Leitbildern eine zentrale Rolle zuwachsen: Aufgrund ihres Charakters als mittel- bis langfristig angelegte normative "Bilder" der Landes- und Regionalentwicklung sind sie einerseits anschaulich genug, um abstrakte raumordnungspolitische Grundsätze und Ziele kommunizierbar zu machen. Sie sind andererseits allgemein genug, um in ihnen noch den Bezug zu generellen politischen Normen zu erkennen, um ein Abgleiten in einen prinzipienlosen Inkrementalismus, der letztlich nur den mächtigsten Pressure Groups das Feld überläßt, abzugleiten. Leitbilder können also gewissermaßen eine Brücke zwischen der projektbezogenen Handlungsebene einerseits und der abstrakten Zielebene andererseits herstellen.

In ähnlicher Form spricht Andreas Faludi (1996) von "framing with images" und meint damit das Kommunizieren in der politischen Öffentlichkeit über normative Raum-Bilder, die jenseits rechtlicher Normen aufgrund ihrer Plastizität und Plausibilität eine Überzeugungskraft und damit eine handlungslenkende Funktion entwickeln können. Das niederländische Konzept der "Randstad" mit einem "grünen Herz" ist ein solches, geradezu suggestiv wirkendes Raum-Bild.

Vielleicht können Leitbilder die Raumplanung wieder politisch diskursfähig machen. Die traditionelle Situation hat Thomas Sieverts im Blick, wenn er schreibt (1996, S. 15): "Die raumordnerische Konzeption der ‘dezentralen Konzentration’ wird fast nirgendwo verwirklicht. ... Raumordnung und Landesplanung sind politisch unwirksam, aber auch intellektuell ausgetrocknet: Sie gehen von Wunschbildern aus, denen die sozio-ökonomische Wirklichkeit in keiner Weise entspricht."

Vielleicht übertreibt Sieverts hier etwas, aber er hat in einem Punkt sicher Recht: Es genügt nicht, das Konzept der dezentralen Konzentration einfach zu einem Ziel oder Leitbild zu erklären und dann darauf zu warten, daß sich alle danach richten. Das Konzept der dezentralen Konzentration ist im wesentlichen ein Element des Experten-Diskurses. Es muß erst noch in plastische Raum-Bilder übersetzt werden, um politisch und alltagsweltlich diskursfähig zu werden.

Hier könnten Erfahrungen des Geo-Designs wie z.B. die insofern sehr erfolgreiche "blaue Banane" des französischen Kollegen Roger Brunet helfen. Solche Raum-Bilder sind natürlich etwas ganz anderes als traditionelle Planungskarten.

Vgl. dazu auch:

Weichhart, Peter (1997): Sozioökonomische Rahmenbedingungen der "Neuen Regionalplanung". In: SIR-MB 25/1997, S. 9-21.

Neue Rahmenbedingungen der Globalisierung, der Städte- und Regionen-Konkurrenz sowie der Herausbildung von politischen Mehr-Ebenen-Systemen führen zur Notwendigkeit der Revision der traditionellen Regionalplanung: Grundlegende Veränderungen der ökonomisch-sozialen-politischen Struktur, wie sie von der Regulationstheorie als Übergang vom Fordismus zum Postfordismus gedeutet werden. 1) Grenzen zwischen Regionalpolitik und Raumordnungspolitik lösen sich auf; Regionen werden zu Akteuren, die auf internationalen Märkten operieren, und zugleich zu "Produkten". 2) Subsidiarisierung der Politik führt zu einer Aufwertung der regionalen Ebene auf Kosten der Nationalstaaten, aber auch der Gemeinden. 3) Anstelle der zentralstaatlichen Verteilung zur Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen und des Selbstverständnisses der Raumordnung als einer "Ordnungsplanung" (S. 18) rückt die aktive regionale Strukturpolitik in den Vordergrund. 4) Der Begriff "Region" ist grundsätzlich offen, doch sollte für die aktive regionale Entwicklungspolitik eine Angleichung der politischen Handlungsräume an die derzeitigen Funktionsräume erfolgen. S.19: Offene Aufgaben: 1) Flexibilisierung der Planung statt starrer Verordnungsplanung; 2) Wie können die neuen Formen implementiert werden, ohne sie zugleich zu starr, z.B. durch Gesetze festzuschreiben? 3) Kann die Raumordnung diese neuen Funktion ausüben? 4) Sind die Akteure von dieser neuen politischen Querschnittsmaterie überzeugt, so daß Ressort-Egoismen überwunden werden können? 5) Wie können formaljuristische und sophistische Auseinandersetzungen durch sach- und problemangemessene Begründungszusammenhänge ersetzt werden? 6) Wie kann das lokale Kirchturmdenken zu regionalem Denken erweitert werden?


LITERATUR

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Historische Stadtentwicklung

Altertum    Mittelalter    Frühe Neuzeit    Industriezeitalter    Nachkriegszeit

 

Altertum

Älteste Stadtkulturen entstanden nach bzw. im Zuge der sog. neolitischen Revolution (Übergang von der extensiven und großenteils nomadischen Jäger- und Sammler-Ökonomie zur Ackerbau- und Viehzucht-Ökonomie, nachgewiesen isnb. in Kleinasien und Mesopotamien:


1) Anatolien: Çatal Hüyük ab ca. 6000 v.Ch. (Ausgrabungen mit Zeugnissen einer Ackerbau-, Gewerbe- und Handels-Kultur; kulturelle Symbole zeugen von der Jäger- und Sammler-Tradition).

2) Uruk-Kultur seit ca. 3300 v. Chr.; Stadt Ur Blütezeit ca. 2500-1900 v.Chr., Babylon ab ca. 1800 v.Chr.

Gründe für Stadtentwicklung: Organisationsaufgaben der Bewässerungslandwirtschaft im Zweistromland; dadurch berufliche und ökonomische Arbeitsteilung; Aufzeichnungen der "Tempel-Landwirtschaft" führten zur Entwicklung der Schrift (Keilschrift).

Sumerische Stadtkultur: Stadtstaaten inmitten von Bewässerungsland

Städte: befestigt, Mitte: Burgbezirk des Stadtfürsten mit Tempelanlagen dicht bebaute Wohnviertel mit Sackgassen; Wohngebäude 1-2geschossig, nach außen abgeschlossen, mit offenem Innenhof.

Andere frühgeschichtliche Stadtkulturen in Ägypten, im Indus-Tiefland, in China.

Griechische Stadtkultur der Polis, Blütezeit ca. 800-338 v. Chr., insb. 510-400 v.Chr. Sparta (südl. Teil des Peleppones), Korinth, Athen

Ökonom. Grundlage: Landwirtschaft, Grundbesitz meist im Eigentum der Bürger, Bewirtschaftung erfolgte meist durch Sklaven. In Städten Handwerk im Besitz der Bürger und Metoiken (rechtlose Fremde als soziale Mittelgruppe).

Griech. Stadt: Ummauerter Stadtbezirk mit zwei Polen: Burg (Akropolis mit Tempeln) und Marktplatz (Agora)

Ausbreitung der griech. Polis: insb. nach Kleinasien (Milet, Ephesos, Priene) dann auch nach Sizilien (Syrakus, Agrigent), Unteritalien (Tarent, Kroton, Reggio).

Unter Alexander Ausbreitung der hellenistischen Stadtkultur (um 300 v.Chr.) nach ganz Kleinasien (Pergamon), Palästina (Antiocheia), Mesopotamien, auch Alexandria

 Auf der Basis der griechischen Stadt entstand die Römerstadt (ca. 200 v.Chr. - 400 n.Chr.)

Charakteristisch: schachbrettartiger Grundriß gemäß dem Hippodamischen Schema
(geometr. Straßengrundriß von Hippodamus beim Wiederaufbau von Milet 450 v.Chr.)

Ausbreitung der Römerstadt von Italien nach Norditalien, Nordafrika (insb. Tunesien), Iberische Halbinsel, Gallien, S- und W-Deutschland, England.

Merkmale:

- Lage meist in der Ebene, meist an Heer- u. Handelsstraßen,

- Straßengrundriß meist rechtwinklig, teilw. quadratisch

- oft 2 Hauptstraßen: via pricipalis, gekreuzt von einer zweiten (Decumanus) dadurch entstehen "Viertel" ("Quartiere"). Bei größeren Städten werden die Blöcke zu "insulae" zusammengefaßt.

- Mittelpunkt: Forum (meist rechteckiger Marktplatz) mit öff. Gebäuden wie Gericht, Palast, Versammlungshallen, Zunfthäuser, insb. Tempel

- weitere typ. Gebäude oft im Stadtgebiet verstreut: Tempel, Amphitheater, Thermen.

Beispiele: Rom (zusammengesetzter, komplizierter Grundriß; 1.-3. Jh. ca. 100000 Ew.),
Pompeji (infolge Vesuvausbruch 79 n.Chr. als Ruinenstadt erhalten; gutes Beispiel)
Gründungsstädte mit sehr regelhaftem Grundriß in Norditalien z.B. Aosta, Como.

In Deutschland Römerstädte südl. und westl. des Limes, oft entstanden aus Militärlagern: Castra Regina (Regensburg), Augusta Vindelicorum (Augsburg), Argentorate (Straßburg), Mogontiacum (Mainz), Augusta Treverorum (Trier), Antunnacum (Andernach), Bonna (Bonn), Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln), Novaesium (Neuß), Asciburgium (Moers-Asberg), Colonia Ulpia Traiana (später Xanten).

Mit dem Zusammenbruch des Römerreichs und der Völkerwanderungen (4.-5. Jh.) schrumpften viele Städte oder fielen gar wüst. Siedlungskontinuität bis zur mittelalterlichen Verstädterung beruhte meist auf Bischofssitz (Burg), während die übrige Stadt großenteils verfiel (Bspe.: Köln, Mainz, Trier, Worms, Speyer, Straßburg, Augsburg, Konstanz, Basel). In anderen Fällen entstanden die mittelalterlichen Städte in der Nähe der römerzeitlichen Ruinenstädte, z.B. in Bonn, in Xanten (Märtyrergrab d. Hl. Victor, Kapelle, Stift, Stiftssiedlung).


Mittelalter

Vor- und Frühformen der mittelalterlichen Stadt (8.-9. Jh.)

In dieser Zeit bestanden in Mitteleuropa praktisch keine Städte, lediglich Siedlungen mit einzelnen städtischen Funktionen. Nur in wenigen Fällen Anknüpfungspunkte an das römerzeitliche Städtenetz; wichtiger sind neue Wurzeln, die zur späteren Verstädterung führen:

- Bischofsburgen (Domburgen), teils der römerzeitlichen Bischofssitze, teils der karolingischen Christianisierung; z.B. Hamburg, Bremen, Münster, Minden, Paderborn etc.,

- Klöster(burgen) z.B. in Hameln und Helmstedt,

- Königshöfe, insb. der Karolinger, und Pfalzen als militärische und wirtschaftliche Stützpunkte der Könige und Herzöge, z.B. Duisburg, Soest usw. am Hellweg,

- Kaufmannssiedlungen (Wik), zunächst als periodische Siedlungen, dann als ständige Siedlungen (z.B. Haithabu, Bardowiek, Dorestad), dann auch im Schutz von Burgsiedlungen entstanden, z.B. in Münster, Soest.

Mutterstädte (ca. 1000 - 1150)

Ab etwa 1000 entwickeln sich durch die Kombination der herrschaftlich-kirchlichen Wurzel mit der kaufmännisch-bürgerlichen Wurzel quasi "von selbst", d.h. ohne formel-len Gründungsakt, die ersten "Städte" im vollen mittelalterlichen Sinn. Ausgehend vom Maas-Schelde-Raum (Gent, Antwerpen) entwickelten sich "Mutterstädte" zunächst im Rheinland (Köln, Duisburg), dann auch an Weser (Bremen, Minden), Elbe (Hamburg), Main (Frankfurt, Nürnberg) und Donau (Ulm, Regensburg).

Entscheidender ökonomischer Faktor: Entfaltung des Marktwesens, d.h. Ergänzung der Subsistenzwirtschaft durch Fern- und Regionalhandel. Neben dem Adel wurden die Kaufleute die bestimmende soziale Schicht. Daneben entstand eine breite Handwerker-schaft, die für den Markt, d.h. auch für den überörtlichen Absatz, produzierte.

Dies führte insbes. im 12. Jh. zu einem starken Städtewachstum, z.B. Köln 1106 erweitert von 120 auf 236 ha, dann 1180 auf 400 ha!

Frühe Gründungsstädte (1120-1220)

Im Gegensatz zu den "gewachsenen" Städten entstanden ab 1120 Gründungsstädte, die meist durch einen geplanten Grundriß und einen formellen Gründungsakt des Landes-herrn gekennzeichnet sind. Sie sind am Vorbild der Mutterstädte orientiert und sind zugleich ein Instrument kaiserlicher und fürstlicher Machtpolitik.

Bedeutende frühe Gründungsstädte: Freiburg i.B. (1118/20 durch Zähringer), Leipzig (1150), Lübeck (1158), München (1158), Lippstadt (1170).

Grundriß: im Gegensatz zu der unregelmäßigen Struktur der Mutterstädte meist Planform,

z.B. Freiburg: Achsenkreuz von zwei Hauptstraßen, davon eine als Straßenmarkt,

z.B. Lübeck und Lippstadt: Rippenform, d.h. zwei parallele Kaufmannstraßen mit Marktplatz entweder zwischen den beiden Rippen oder an einer der beiden Hauptstraßen.

Mutterstädte und frühe Gründungsstädte bilden gemeinsam den Typ der mittelalter-lichen Stadt am klarsten heraus:

Merkmale:

- äußere Abgrenzung durch Mauer und oft Graben,

- kompakte Siedlungsform,

- Mittelpunkt: Markt mit Rathaus, Kaufmannshäusern und Bürgerkirche, oft in Oppo-sition zur landesherrlichen Burg mit Burgkirche bzw. Bischofsbezirk,

- soziale und räumliche Differenzierung der Stadtbevölkerung: Kaufleute am Markt, Tagelöhner und niedere Handwerker an der Stadtmauer, Mittelschicht, dazwischen; dem entspricht eine zentral-periphere Abstufung der Gebäude,

- rechtliche Sonderstellung: städtische Selbstverwaltung und eigene Gerichtsbarkeit, Bürgerrecht ("Stadtluft macht frei"),

- ökonomische Funktion: Handel (Fern- und Nahhandel) und Güterproduktion (insb. bei kleinen Städten aber oft auch Landwirtschaft, sog. "Ackerbürger").

Gründungsstädte des Hochmittelalters (1220-1320)

Diese Zeit wird durch ein allgemeines Wirtschafts- und Städtewachstum gekennzeich-net, aber auch durch die endgültige Herausbildung der Territorialherrschaften. Die Städtegründungen dieser Zeit führten prinzipiell die Entwicklung des vorangehenden Zeitabschnitts fort; doch da die besten Lagen vielfach schon "besetzt" waren, entstanden meist nur kleinere Städte, z.B. Dorsten, Dinslaken, Ratingen, aber auch Düsseldorf (1288).

Während bei den frühen Gründungsstädten zumeist macht- und wirtschaftspolitische Gründungsmotive nebeneinander stehen, rücken bei den späten Gründungen oft militärisch-machtpolitische Gründe in den Vordergrund. Im Zeitalter der sich ausbil-denden Flächenterritorien und häufigen Fehden dienen Städte dazu, die Territorial-ansprüche der Landesherrn - auch militärisch - zu sichern. Städte deshalb oft in Spornlage (mit landesherrlicher Burg).

In den großen Städten kommt es häufig zu Machtkämpfen zwischen dem Bürgertum (führende Schicht meist Kaufleute) und dem Landesherrn. Viele Städte bilden Städte-bünde (z.B. Hanse, Rheinischer Bund) und erreichen eine mehr oder weniger große Selbständigkeit gegenüber dem Landesherrn, teilw. sogar als Freie Reichsstädte: z.B. Köln, Aachen, Dortmund, Bremen, Goslar, Wetzlar, Frankfurt, Nürnberg, Rothenburg, Dinkelsbühl, Augsburg, Ulm, Eßlingen.

 

Gründungsstädte des Spätmittelalters (1320-1500)

Trotz allgemeiner wirtschaftlicher Stagnation gehen die landesherrlichen Städtegrün-dungen weiter; es entstehen allerdings meist nur noch Klein- und Kümmerformen, oft aus militär- und machtpolitischen Motiven, desh. oft in Sporn- und Grenzlagen.

Beispiele: Isselburg, Ruhrort, Zons. Meist nur ca. 5-10 ha, wenige 100 Ew.

 

"Minderstädte" (H. Stoob), oft "Freiheit" oder in Westfalen "Wigbold" genannt, sind Kümmerformen des Spätmittelalters. Als Städte minderen Rechts besitzen sie nur einen Teil der Merkmale des mittelalterlichen Stadttypus.

 

Städtesystem Mitteleuropas um 1500 als Ergebnis der mittelalterlichen Urbani-sierung: Führende Schicht: große Handels- und Gewerbestädte, dies sind meist Freie Reichsstädte: größte Stadt: Köln (ca. 40 000 Ew), weitere Städte über 10 000 Ew, also "Großstädte": Lübeck, Hamburg, Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Münster, Soest, Aachen, Frankfurt, Nürnberg, Augsburg, Ulm, Straßburg. Oft sind dies die ältesten Städte (Bischofsburgen mit Kaufmannswik oder frühe Gründung)!

 

Phasen der Stadtentstehung nach H. Stoob 1956:

Häufigkeitsdiagramm verdeutlicht die Bedeutung der mittelalterlichen Urbanisierung:

Ca. 2/3 aller deutigen Städte entstanden zwischen 1150 und 1450! Maximum zwischen 1220 und 1350; allerdings waren die wenigen frühen Gründungen viel bedeutender.

Zwischen 1450 und 1800: "Städtetal" (H. Stoob). Nur wenige, aber interessante neue Städte entstanden in dieser Phase der Frühen Neuzeit. Erst im 19. und 20. Jh. wieder mehr neue Städte, aber längst nicht soviel wie im Mittelalter.

 

Frühe Neuzeit

Zeit des "Städtetals": In den 350 Jahren zwischen 1450 und 1800 wurden nur halb soviel Städte gegründet wie zwischen 1250 und 1300! Gründe: große Dichte des mittelalterlichen Städtenetzes, Stagnation durch Kriege, insb. 30jähr. Krieg.

Mit dem Übergang zur frühen Neuzeit zugleich Übergang von der mittelalterlichen Stadt zur Renaissance-Stadt (16.-17. Jh.) mit den Prinzipien:
- Gründung durch Landesherrn,
- geplante Anlage durch Stadt- bzw. Festungs-Baumeister im staatlichen Dienst,
- neue ästhetische Prinzipien durch italienische Renaissance (strenge Geometrien;
Einfluß von Ideal-Städten, z.B. Plan von Dürer).

Neben Ausläufern mittelalterlicher Stadttypen (insb. weiterhin "Minderstädte") einige neue Stadttypen:

 

Bergstädte des 15.-17. Jh., insb. im 16 Jh.

= landesfürstliche Gründungen auf der Grundlage des Erzbergbaus in den Mittel-gebirgen und in den Alpen, insb. im Harz, Erzgebirge, Böhmerwald, Schwarzwald.

Beispiele:
Clausthal (1530), Zellerfeld (1526), Andreasberg, Altenau, Lauterberg (Harz),
Annaberg, Schneeberg, Joachimsthal (Erzgebirge)
Schwaz, Rattenberg, Sterzing, Kitzbühel, Schladming (Alpen)

 

Exulantenstädte (Glaubensflüchtlingsstädte) des 16.-18. Jh.

= Gründungen protestantischer Fürsten zur Aufnahme und Ansiedlung von evangeli-schen Glaubensflüchtlingen aus den Gebieten der Gegenreformation.

Wichtigste Gruppen:

Französische Hugenotten (nach der Aufhebung des Edikts v. Nantes 1685), insb. in Brandenburg (Berlin, Erlangen), Hessen (Karlshafen, Homburg, Neu-Isenburg).

Kalvinisten und Mennoniten aus den Niederlanden (insb. aus Wallonien und Flandern) in Krefeld und Altona (Mennoniten), in Wesel, Friedrichstadt, Glückstadt, Neuwied, Frankenthal.

Lutheraner (z.B. Salzburger Exulanten) in Schlesien und Sachsen (z.B. Johanngeorgen-stadt) und in Freudenstadt (württemberg. Gründung im Schwarzwald).

Weitere Gruppen: süddeutsche Hutterer in Mähren, Böhmische Brüder, Waldenser.

 

Festungsstädte des 16. und 17. Jh.

Neugründungen insb. durch Vauban in der zweiten Hälfte des 17. Jh. in Frankreich (Bsp. Neu-Breisach 1698). Daneben häufig Umgestaltung bestehender Städte durch Anlage eines Bastionssystems mit großem freien Schußfeld (Rayon), z.B. Wesel.

 Residenzstädte des 17. und 18. Jh.

Sie verkörpern besonders klar den Typus der "Fürstenstädte", zu dem man die Einzel-typen der Exulanten-, Festungs- und Residenzstädte auch zusammenfaßt.

Residenzstadt als Ausdruck der absolutistischen Staatsauffassung; Mittelpunkt: Schloß; sozialräumliche Gliederung der Stadt als Ausdruck der ständischen Gesellschaft.

Vorbild: Versailles als Residenzstadt Ludwigs XIV (1661-ca. 1700); nach diesem Vorbild gegründet: Karlsruhe (1715), Ludwigsburg (1718).

Häufiger: Erweiterung bestehender Städte um barocke Residenzviertel mit Schloß, z.B.: Berlin-Charlottenburg, München-Nymphenburg, Hannover-Herrenhausen, Bonn-Poppelsdorf, Düsseldorf.

Aber auch Bau von Barockschlössern unmittelbar am Rand der bestehenden Stadt, oft anstelle einer ehem. Zitadelle: Münster, Mannheim, Würzburg, Stuttgart, Koblenz, Dresden, Detmold.

Residenzstädte entwickelten sich oft zu Verwaltungs- und Kulturzentren.

Städtebauliche Prinzipien der Fürstenstädte:

Beeinflußt von den italienischen Renaissance-Stadtplänen mit klaren, streng geometrischen Grund- und Aufrissen, oft quadratisch, z.B. Palmanova.

Grundriß: planvolle Anlage mit quadratischen oder rechteckigen Baublöcken (z.B. Mannheim). Die fächerförmige Straßenanlage Karlsruhes symbolisiert das absoluti-stische Prinzip. Planvolle Anlage durch fürstliche Baumeister; Eigentumshoheit des Landesherrn.

Aufriß: durch strenge Bauvorschriften gleichförmige, teilweise monotone Gestaltung
Bauliche Staffelung der Geschoßzahlen bringt ständische Gesellschaft zum Ausdruck. Einheitliche Gestaltung der Fassaden, der Fenster-, Gesims- und Dachformen durch Vorschriften, meist traufständig!

Städtesystem Mitteleuropas um 1800 als Ergebnis der frühneuzeitlichen Stadtent-wicklung: Die wenigen Neugründungen bleiben meist klein (Ausnahme: Karlsruhe).

Wichtiger ist die Umgestaltung des bestehenden Städtesystems:

Stark gewachsen sind die großen Fürstenstädte, insb. die großen Residenzstädte als Hauptstädte der großen deutschen Territorien: Preußen, Österreich, Bayern, Sachsen usw.

Nur wenige der großen alten Handelszentren haben mithalten können: Hamburg, Bremen, Leipzig, Köln, Frankfurt, Nürnberg. Viele kleinere Reichsstädte stagnierten und wurden von benachbarten Territorialhauptstädten überflügelt (z.B. Eßlingen, Augsburg, Rothenburg, Dortmund, Goslar).

Insgesamt nur relativ bescheidenes Städtewachstum zwischen 1500 und 1800. Die Großstadtschwelle hat sich von etwa 10 000 auf etwa 20 000 Ew. verschoben (bis 1900 auf etwa 100 000).

 

Industriezeitalter (ca. 1800 - 1945)

Das "Industriezeitalter" (19. und erste Hälfte des 20. Jhs.) ist in zweifacher Hinsicht ein entscheidender Wendepunkt der Stadtentwicklung:

a) Urbanisierung bis hin zur "verstädterten Gesellschaft". Grund: Flächengebundene Agrarproduktion tritt zurück hinter die industrielle Produktionsweise mit Standortkonzentration vor allem in den Städten und Revieren.

b) Insbes. in Deutschland: Kriegszerstörungen im 2. Weltkrieg.

Nur relativ wenige Stadtgründungen (vgl. Diagramm von Stoob):

Wichtigste Beispiele: Bremerhaven 1927, Oberhausen 1861, Ludwigshafen 1863, Marl 1936, Wolfsburg 1938.

Viel wichtiger: Erweiterung bestehender Städte einschl. ihrer Umgestaltung. Charakteristische Merkmale der industriezeitlichen Stadtentwicklung (in Anlehnung an Schöller 1967):

- Entstehung industrieller Siedlungsagglomerationen, insb. in Montanrevieren (Ruhrgebiet, Oberschlesien, Saar)
1. Dezentrale Zechenstandorte mit Zechenkolonien in der Nähe,
2. Eisenhütten und Stahlwerke meist in der Nähe bestehender Siedlungen,
3. Bestehende Siedlungskerne werden zu zentralen Orten (insb. Hellwegstädte).

- Insg. wichtiger: industrielle Erweiterungsviertel in bestehenden Städten;
meist ungeplanter Prozeß: Anlage von Fabriken "vor den Toren" der Altstadt. Entstehung von Arbeitervierteln in deren Nähe. Erst mit der Entwicklung neuer Massenverkehrsmittel ab ca. 1880-1900 verstärktes Außenwachstum, oft entlang der neuen Verkehrsachsen (S-Bahn).

Rückwirkungen auf die Alt- bzw. Innenstadt: Citybildung, allmähliche Umkehrung des alten, vorindustriellen zentral-peripheren Sozialgefälles, da die einkommensstarken Haushalte die Innenstädte verlassen und an den Rand ziehen (neue Villenviertel) und einkommensschwache Haushalte in die dicht bebauten Innenstadtquartiere nachfolgen (baulich-soziale Abwertung).

- Vereinheitlichung regionaler Bautraditionen
Frühe Neuzeit: Nebeneinander regionaler Baustile (innerhalb und neben Renaissance und Barock) Industriezeitalter: Angleichung der Regionalstile; regionale Tradition gilt als Provinzialismus, Berlin wird Vorbild; aber schon um 1900 Gegenbewegung: "Heimatschutz"
Bleibende Regionaltradition: z.B. Backsteinbau und Durchfensterung in Norddeutschland, geringere Dachneigung in Süddeutschland.

- "Primat des technischen Städtebaus"
= große Leistung des Städtebaus des 19. Jh.: Straßenbeleuchtung und -pflasterung, Bürgersteige von Fahrbahnen getrennt, Schwemmkanalisation, Gas- und Elektrizitätsversorgung, Massenverkehrsmittel wie Pferdebahnen, Straßenbahnen, S- und U-Bahnen.
Neue Bauaufgaben ohne Vorbild: Bahnhöfe, Postämter, Brücken, Wassertürme, Fabriken, Markthallen, Schlachthöfe, Krankenhäuser, Schulen, Museen, Kirchen etc.

- Umgestaltung der Kernstadt
"Citybildung" in großen Städten ab ca. 1880 (Berlin); Regel: Citybildung im Altstadtkern oder zwischen Altstadt und Bahnhof ("Bahnhofs-City"). Dadurch Verdrängung der Wohnbevölkerung aus den Innenstädten in die Vororte und räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsstätten.
Nur in großen Städte: Funktionale Differenzierung der City (Regierungs-, Banken- etc. -viertel).

- Umgestaltung der städtischen Wohngebiete
Altstadtviertel sinken in der Regel baulich und sozial ab; es entstehen neue Erweiterungs-Wohnviertel, zunächst ungeplant, dann nach "Bebauungsplänen", die insb. das Straßennetz und damit die Fluchtlinien vorgeben ("Fluchtlinienplan"), berühmtes Bsp.: Berliner Bebauungsplan von James Hobrecht 1862.
Neue Wohnviertel entstehen meist mit klarer sozialer Segregation:
(1) Arbeiterwohngebiete in der Nähe der Fabriken mit geschlossener Bebauung (mehrgeschossige "Großmietshäuser" mit mehr als 12 und "Mietskasernen" mit mehr als 20 Wohnungen;
(2) Kleinbürgerliche und gemischte Viertel mit geschlossener, mehrgeschossiger Mietshausbebauung (oft noch mit vertikaler Segregation wie in vorindustrieller Zeit);
(3) Bürgerlich-großbürgerliche Viertel mir offener Bauweise (Villenviertel oft mit Stadtpark).

 

Entwicklungsphasen:

1. Phase 1800 - ca. 1850

Städtewachstum noch relativ gemäßigt; erste, meist planlose Erweiterungen vor den oft noch durch Mauer und Tore abgegrenzten Altstädte.

 

2. Phase: ca. 1850 - 1875

Städtewachstum beschleunigt sich; Fabriken und Arbeiterwohnviertel entstehen.

Städte und/oder staatliche Regierungen entwerfen für diese Viertel "Bebauungs-" oder "Fluchtlinienpläne", die jedoch staatlich (z.B. vom preußischen Innenministerium) polizeilich genehmigt werden müssen. Rechtsgrundlage: Allg. Preuß. Landrecht. Demnach kann der Grundeigentümer im Prinzip sein Grundstück bebauen wie er will. Auflagen lediglich: Fluchtlinie vorgegeben, feuerpolizeiliche Anforderungen.

Probleme der Städte: Zwar Enteignungsrecht für Anlegung neuer Straßen und Umlegung, aber Entschädigungszwang und Kosten für Straßenbau.

Straßengrundrisse: meist regelhaft, rechteckig, teilw. begrünte Plätze ausgespart.

Berühmter Berliner Bebauungsplan von James Hobrecht 1862:
Breite, repräsentative Straßen; große Baublöcke führten zur berüchtigten Hinterhofbebauung. Erschließung und Bebauung durch "Terraingesellschaften" führte zu maximal zulässiger Überbauung: Hinterhöfe oft nur 6x6 m für Sprungtuch und Wenden der Feuerspritze!

 

3. Phase: 1875 - 1918

1875: Preußisches "Fluchtliniengesetz" (= Stadtplanungsgesetz). Die Aufstellung von Bebauungsplänen wird kommunale Angelegenheit und damit vereinfacht; neue Entschädigungsregeln: Anlieger können zum Straßen- und Kanalbau herangezogen werden.

Entstehung der "gründerzeitlichen" oder "wilhelminischen" Wohngürtel insb. in Berlin, Wien, Leipzig u.a. großen Städten durch private Investoren (Bauunternehmer, Handwerker, Terraingesellschaften).

Wichtige Gebäudetypen: mehrgeschossiges (4-5 Geschosse) Mietshaus, oft "Großmietshaus" (über 12) oder "Mietskaserne" (über 20 Wohnungen); meist Kleinwohnungen! Beispielsweise Berlin 1875: 53 % Einzimmer- und 25 % Zweizimmer-Wohnungen! (Ruhrgebiet nur 28 % bzw. 36 %; d.h. West-Ost-Gefälle im Deutschen Reich).

Erhebliche regionale Differenzierungen: Mietskaserne insb. in Berlin, Leipzig, Dresden, Prag, Wien und generell in Ostdeutschland.
Dagegen Ruhrgebiet: hoher Werkswohnungsanteil (Kolonien);
Norddeutsche Küstenstädte: hoher Anteil von Reihenhäusern wie in England;
West- und Süddeutschland: oft Mietshäuser mit 6-12 Wohnungen;
Gründe: verschiedene Investoren; Einkommensgefälle; regionale Traditionen.

Ab ca. 1900: Gegenbewegung gegen großstädtischen Mietwohnungsbau:

(1) wissenschaftlicher Städtebau (J. Stübben, C. Sitte): Versuche zu Reformen durch Bauzonenordnungen, durch Auflockerung der strengen, monotonen rechteckigen Straßengrundrisse: mehr Plätze, gewundene Straßenführungen, Durchgrünung (Sitte: "vom dekorativen zum sanitären Grün") Versuche, durch Parzellierung die Hinterhofbebauung zu vermeiden.

(2) Gartenstadtbewegung
beeinflußt von E. Howard ("Garden-Cities of To-Morrow", 1898) und englische Reformsiedlungen (G. Cadbury: Bournville b. Birmingham; Lever: Port Sunlight b. Liverpool) erste Gartenstädte in England: Letchworth (1903ff.), Welwyn Garden City (1920ff.).

Kernthesen: Verbindung der positiven Seiten urbanen und ländlichen Lebens; gesunde Auflockerung der städtischen Steinwüsten; räumliche Nähe von Wohn- und Arbeitsstätten, genossenschaftliches Eigentum.

1902 Gründung der Deutschen Gartenstadtgesellschaft. In Deutschland entstanden allerdings keine selbständigen Gartenstädte, sondern nur von der Gartenstadt-Idee mehr oder weniger stark beeinflußte Siedlungen am Rand bestehender größerer Städte. Am ehesten: Dresden-Hellerau und Karlsruhe-Rüppur als genossenschaftliche Siedlungen. Jedoch indirekt starker Einfluß auf Städtebau: insb. auf Werkssiedlungen von Krupp (E-Margarethenhöhe, DU-Margarethenhof, BO-Dahlhauser Heide, Datteln-Beisenkamp); schließlich wurden fast alle Wohnsiedlungen mit offener, durchgrünter Bauweise "Gartenstadt" genannt.

 

4. Phase: 1918 - 1933

Aufnahme der Reformideen durch (nunmehr oft sozialdemokratische) Stadtplanung.

Zahlreiche Modelle eines neuen, modernen Städtebaus mit neuen experimentellen Grund- und Aufrißformen.

Große Bedeutung des kommunalen bzw. genossenschaftlichen Wohnungsbaus; viele Genossenschaften entstanden um 1900, als immer deutlicher wurde, daß der Wohnungsmangel der schnell wachsenden gründerzeitlichen Städte durch den freien Markt und private Investoren nicht gedeckt werden konnte; desh. viele berufsständische und kommunale Wohnungsgenossenschaften, die nach 1918 verstärkt von den Kommunen unterstützt werden und zu Instrumenten der kommunalen Wohnungspolitik wurden.

Städtebauliche Leitbilder: Nebeneinander divergierender Strömungen:

einerseits konservativer (und häufig antiurbaner) 'Heimatstil' mit dem Versuch, regionalistische ländliche Bautraditionen im Städtebau zu erhalten bzw. wiederzubeleben,

andererseits: Städtebauliches Leitbild der "Moderne" als Antithese zur gründerzeitlichen (Mietskasernen-)Stadt:
- Gliederung und Auflockerung durch Licht, Luft, Grün,
- Absonderung störender Nutzungen,
- Begrenzung der Wohndichte,
- Orientierung an öffentlichen Nahverkehrsmitteln,
- "Nachbarschaftseinheiten" gegen großstädtische Anonymität,
- Städtebau und Wohnungsbau als kommunale Aufgabe.

Äußerliches Merkmal: Aufgabe der geschlossenen Blockrandbebauung zugunsten einer halboffenen und offenen Bauweise, z.B. in Zeilenbauweise.

 

"Funktionalismus" in Architektur und Städtebau. Ziel: "Funktionaler Umbau der Stadt". Wichtigste Impulse des modernen Städtebaus gingen aus von:

1) Bauhaus 1919-1933 Weimar/Dessau, dann aufgelöst, wichtige Architekten und Städtebauer emigrierten nach Nordamerika, z.B. Walter Gropius und Bruno Taut, Mies van der Rohe u.a.; Ziel: klare funktionale Formensprache, gegen zweckfreie Ornamentik ("Schön ist das, was funktional ist, nämlich die reine Form", z.B. für Flachdach, kubische Hausform).

2) CIAM ("Congrès International d'Architecture Moderne") 1928ff. Hauptvertreter: Le Corbusier: Er veranlaßte die berühmte "Charta von Athen" 1933 mit Forderungen:
- Forderung nach Bodenreform aus kollektivem Interesse,
- strikte Trennung der 4 Funktionen "Wohnen", "Arbeiten", "sich erholen" und "sich bewegen".
Weitreichender Einfluß auf die "moderne" Stadtplanung.

 

 

5. Phase: 1933 - 1945

Nationalsozialistische Stadtideologie:

 

Einerseits gegen "großstädtische Entartung" und für bodenverbundene Kleinsiedlung (im Heimatstil); damit verbunden weitreichende Pläne zu einer Re-Agrarisierung der Bevölkerung und zur Auflösung der Städte ("Brutstätten des Industrialismus und Sozialismus"). Diese Pläne (stammend aus dem ideologischen Reservoir des antimodernen agrarromantisierenden konservativen Bürgertums) wurden jedoch nie ernsthaft realisiert, zumal bald die (in den Städten, vor allem im Ruhrgebiet lokalisierte) Kriegswirtschaft absolute Priorität genoß.

 

Andererseits: monumentale Umgestaltung der Städte als den Symbolen der "neuen Ordnung": z.B. Umbau Berlins zur "Hauptstadt Europas" mit 10 Mio Ew; ferner der Städte, die in der NS-Bewegung eine besondere Bedeutung hatten wie Linz, München, Nürnberg und Hamburg, ferner auch der (übrigen) Gauhauptstädte. Geplant: große Straßenachsen und Plätze mit monumentalen Großbauten, Großhallen, Triumphbögen usw. und geeignet für Aufmärsche und andere Massenveranstaltungen. Von diesen Plänen, die vor allem von Speer koordiniert wurden und die häufig Hitler persönlich eingriff, wurde jedoch nur ein kleiner Teil realisiert (z.B. Linz, Berlin-Tempelhof).

Baustil: entschiedene Ablehnung der "Bauhaus-Moderne", einerseits Heimatstil, andererseits Monumentalbau.

Die "völlige Umgestaltung der deutschen Städte" kam aber ganz anders: nämlich durch den Zweiten Weltkrieg. Zunächst nur strategische Ziele, dann auch flächenhafte Bombardierung. Insg. ca. 1/3 aller Wohnungen zerstört; in großen Städten und manchen kleinen oft über 70 %.

 

Nachkriegszeit (1945 - heute)
unter besonderer Berücksichtigung des Vergleichs BRD/DDR

2.5.1 Wiederaufbau 1945 - ca. 1960

Ganz im Vordergrund stand zunächst der Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte und die Schaffung von viel billigem Wohnraum zur Unterbringung der Bevölkerung. Wiederaufbau setzte nach der Währungsreform insb ab 1949/50 ein. Dabei grundlegend unterschiedliche Entwicklung BRD/DDR:

BRD: Relativ höherer Grad der Kriegszerstörungen: in Großstädten rund 1/2, in Mittelstädten rund 1/3 und in Kleinstädten rund ¼ des Wohnungsbestandes zerstört. Ein Großteil der Stadtbevölkerung war auf dem Lande untergebracht ("Evakuierte"). Die Wohnungsnot wurde dramatisch verschärft durch den Zustrom von rund 10 Mio. Flüchtlingen (auch aus der SBZ/DDR) und Vertriebenen (aus den ehem. deutschen Ostgebieten).

1950 Wohnungsbaugesetz; Schwerpunkt: Bau von Sozialwohnungen, insb. in Städten in 3-4-geschossigen Mietshäusern; in ländlichen Räumen meist als 1-Fam.-Häuser ("Kleinsiedler" mit großen Nutzgärten zur Selbstversorgung).

DDR: Wohnungsnot war etwas geringer (außer in Berlin), da geringere Kriegszerstörungen und weniger Bevölkerung; Schwerpunkt der staatlichen Investitionspolitik: Wiederaufbau der zerstörten bzw. demontierten Industrieanlagen.
Z.B. im Jahr 1955 in der BRD 563.000, in der DDR nur 33.000 Neubauwohnungen!
1950 Aufbaugesetz: sozialistische Bodenordnung mit Aufhebung des freien Bodenmarktes und weitgehendem Enteignungsrecht für staatliche Planung.

Städtebauliche Prinzipien nach sowjetischem Vorbild:

- Hauptmagistralen (z.B. Stalinallee = Karl-Marx-Allee in Ostberlin)

- große, zentrale Plätze (z.B. Alexanderplatz)

- städtebauliche Dominanten: repräsentative Gebäude der Massenorganisationen, Kultur etc.

Städte als Ausdruck der neuen gesellschaftlichen Ordnung (nicht Kommerz und Banken, sondern öffentliche Gebäude im Zentrum, auch Wohnungen, z.B. Leipziger Str.).

BRD: Wiederaufbau der zerstörten Innenstädte in mehr oder weniger starker Anlehnung an Vorkriegsstruktur; dabei unterschiedliche Typen:

- völlige Neuordnung des Stadtkerns mit Umlegung und neuem Straßennetz: Wesel, Hannover;

- partielle Neuordnung mit teilw. Umlegung und mit Durchbruch von Verkehrsachsen: z.B. Duisburg, Essen, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Bonn, Hamburg usw.;

- Wiederaufbau ohne größere Neuordnung in wenig zerstörten Städten, z.B. Wuppertal.

Persistenzfaktoren:

- Parzellengliederung und oft unklare Eigentumsverhältnisse;

- bestehende Ver- und Entsorgungssysteme ("unterirdischer Städtebau");

- wenig Zeit und Geld für umfassende Neuplanungskonzepte;

- Traditionsbewußtsein der Bevölkerung (insb. in Bürgerstädten wie Münster.

Andererseits: großer Idealismus, etwas Neues zu schaffen und alte Fehler zu vermeiden.

Problem: Neubauten oft monoton, nur wenig städtebauliche Individualität, aber auch hohe städtebauliche Qualität in Anbetracht der bescheidenen Geldmittel und im Vergleich zum Städtebau der 60er und 70er Jahre.

 

Wohngebiete: neben der Wiederauffüllung kriegszerstörter Baulücken Bau neuer Wohnsiedlungen meist mit Sozialwohnungen; oft dort gebaut, wo zusammenhängende Fläche verfügbar war, d.h. am Stadtrand; meist anspruchslose mehrgeschossige Mietwohnhäuser in offener Zeilenbauweise mit kleinen, komfortarmen Wohnungen, jedoch mit großzügiger Durchgrünung.

Leitbild: "die gegliederte, aufgelockerte Stadt", d.h. Leitbild des "modernen Städtebaus", wieder anknüpfend an Weimarer Zeit).

Neue Städte: Satelliten- und Trabantenstädte nach dem Modell der Gartenstädte und der "New Towns", z.B. Sennestadt b. Bielefeld 1957ff.

 

 

Wachstumsphase 1960-1975

DDR: weiterhin verzögerter Wiederaufbau, daneben stärkere Neubautätigkeit in offener, 5- bis 10-geschossiger Zeilenbauweise (industrielle Fertigbauteile, Standardtypen)

Sozialistischer Wohnkomplex: Neubauviertel mit ca. 10.000-30.000 Ew., durchgrünte, offene Hochhauszeilen, Zentrum. insb. öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Sportanlagen, Ambulatorium, daneben auch Kaufhalle, Gaststätte, Dienstleistungsgebäude (staatl.)

BRD:

1960 Bundesbaugesetz, 1965 Raumordnungsgesetz, ferner Landesplanungsgesetze.

Zeit hochfliegender Stadtentwicklungs- und Stadterweiterungsprojekte, scheinbar grenzenloses Wachstum der Wirtschaft und Steuereinnahmen sowie der Ansprüche an Wohnungsgröße und -qualität und an Infrastrukturleistungen:

Um 1960 zunehmende Kritik am Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt, z.B.: Jane Jacobs 1963, H. P. Bahrdt 1961, Alexander Mitscherlich 1965.

Neue Leitbilder: intensives und vielgestaltiges Leben, 'Dichte und Urbanität' (bzw. in extremer Variante: 'Urbanität durch Dichte') und 'verkehrsgerechte Stadt'. Damit z.T. Rehabilitation der gründerzeitlichen Stadt, in der Realität wurde allerdings häufig nur Dichte ohne Nutzungsvielfalt (und damit Urbanität) geschaffen! Hochzeit der wissenschaftlichen Stadtplanung; Vorstellung, man könne mit wissenschaftlichen Methoden die Lebensbedürfnisse der Menschen optimal erfüllen; Ziel: umfassende Stadtentwicklungsplanung auf wissenschaftlicher Grundlage.

Bau von Großwohnsiedlungen (Trabantensiedlungen) z.B. Märkisches Viertel, Garath, Chorweiler und von Satellitenstädten z.B. Wulfen, Erkrath-Hochdahl, Meckenheim-Merl.

Städtebauliches Leitbild: "Urbanität durch Verdichtung"
= Modifizierung des vorherigen Leitbildes der "aufgelockerten gegliederten Stadt"
Vielgeschossige, dichte Bebauung und hohe Fremdkapitalfinanzierung führen teilweise zu geringer Attraktivität, desh. später teilw. hohe Leerstände, hohe Fluktuation und soziale Desintegration.

Bestehende Wohnviertel: Stagnation, oft durch zunehmende Verkehrsbelastung aber auch "Sanierung" mit hohen (auch öffentlichen) Investitionen: Flächen-/Totalsanierung, partielle Sanierung, Objektsanierung

Innenstädte: horizontale und vertikale Ausweitung der Geschäfts- und Verwaltungszentren als Folge der wirtschaftlichen Prosperität ("Citybildung" mit hohen Bodenpreissteigerungen und Dominanz der profitabelsten Nutzungen), dadurch Verdrängung der Wohnbevölkerung aus den Innenstädten.

Wichtiger Faktor der Stadtentwicklung: Privatmotorisierung.

Innenstädte: teilw. Abwertung, teilw. Bau von innerstädtischen Schnellstraßen, z.B. in Hoch- und Tieflagen wie in Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln.

Außenbereiche: Umwälzung der Erreichbarkeitsverhältnisse führte zur räumlichen Auflockerung der Stadt: Trabantensiedlungen und Suburbanisierung.

 

Gegenwart: seit 1975 (Postmoderne?)

Ab ca. 1975 veränderte Rahmenbedingungen: Bevölkerungsstagnation und -rückgang, Abschwächung des Wirtschaftswachstums, Stagnation der privaten Einkommen, Wertewandel (u.a. Umweltsensibilisierung), Ausdifferenzierung der Lebensstile.

einige wichtige Trends:

- weiterhin Suburbanisierung, getragen durch privaten Eigenheimbau; kleinteiliges Wachstum im Umland der Städte anstelle von Großwohnsiedlungen;

- krisenhafte Probleme der Ballungskernstädte durch Abwanderung von Mittelschichtbevölkerungs und Gewerbe, dadurch Rückgang der Steuereinnahmen bei wachsenden Sozialausgaben;

- Umorientierung der Stadtplanung: erhaltende, "sanfte" Modernisierung, Wohnumfeldverbesserung z.B. durch Verkehrsberuhigung; Kehrtwende der Verkehrsplanung;

- Tertiärisierung der ökonomischen Basis (auch innerhalb der Industrie): Dominanz der Dienstleistungsberufe; neue stadtorientierte Mittelschicht führt teilw. zur "Gentrification" zunehmende Entwicklungsunterschiede zwischen Industrie- und Dienstleistungsstädten.

Veränderung der städtebaulichen Leitbilder:

1. Stadterneuerung und Denkmalpflege,

2. die Stadt als Bühne, Stadtkultur und Stadt-Marketing (damit de facto Aufgabe der sozial integrierten Stadt!),

3. die ökologische Stadt ("nachhaltige" Stadtentwicklung).

Damit charakteristisch für die postmoderne Stadtplanung: Leitbildvielfalt und Inkaufnahme der Stadt-Fragmentierung!

Baustil: Postmoderne (Ästhetisierung des Stadtbildes, Rehabilitation der funktionslosen Ornamentik, Stilzitate).

Weitere aktuelle Prozesse werden im Kapitel 5 näher behandelt.


Die Binnenperspektive: Die innere Struktur der Stadt

Verschiedene Betrachtungsweisen nach Heineberg:

- Morphologische Stadtgliederung

- Morphogenetische Stadtgliederung

- Flächen- und Gebäudenutzungen ("Funktionale" Stadtgliederung)

- Bodenrentenmodelle

- Sozialräumliche Stadtgliederung

- "Social area analysis"

- Faktorialökologische Stadtgliederung

- Aktions- und wahrnehmungsräumliche Stadtstrukturanalyse

 

Morphologische Strukturanalyse, physiognomische Strukturanalyse

= Beschreibung, Erfassung und Deutung der "Stadtlandschaft", d.h. der physiognomisch wahrnehmbaren "dinglich erfüllten Erdoberfläche"; weiterentwickelt zur Stadtbildanalyse

Elemente der Stadtlandschaft:

- Grundrißgestaltung: Straßennetz, Parzellengliederung, horizontale Anordnung der Bauten

- Aufrißgestaltung: Geschoßzahl, Fassadengestaltung, Dachformen

Ziel: ganzheitliche Gestaltwahrnehmung der Stadtlandschaft ("Erfassung und Deutung") meist verknüpft mit genetischer Deutung und regionaler Typisierung, z.B. Siegfried Passarge: Stadtlandschaften der Erde. Hamburg 1930;
Peter Schöller: Die deutschen Städte. Wiesbaden 1967 (behandelt vor allem regionale Bautraditionen).

Kritik: Der traditionelle physiognomische Ansatz erschöpfte sich meist in einer teilweise oberflächlichen Beschreibung von Bauformen. Gefahr: Ausklammerung sozialer und politischer Zusammenhänge.

Andererseits: Dieser Ansatz ist auch heute noch (bzw. wieder) bedeutsam, wenn der methodische Ansatz reflektiert wird. So läßt sich die Stadtlandschaft als ein Ensemble von "Zeichen" auffassen und die morphologische Stadtgeographie hätte die Aufgabe, die Sinngehalte dieser Zeichen zu verstehen und zu interpretieren.
= "Lesen der Stadtlandschaft als Text"; "Semiologie der Stadtlandschaft". Dies wäre ein geisteswissenschaftlicher (bzw. kunstwissenschaftlicher) Ansatz in der Stadtgeographie. Heute erhält dieser Ansatz im Zuge der Wiederentdeckung ästhetischer Stadtbildqualitäten in der Ära der Postmoderne eine neue Aktualität. Außerdem behält der morphologische Ansatz seinen didaktischen Wert, z.B. im Rahmen von Exkursionen.

Morphogenetische Stadtgliederung

Ansatz: Genetische Deutung der Stadtform und -gestalt; Deutung der Stadtlandschaft als "Palimpsest" (d.h. wie eine mehrfach überschriebene Handschrift); Ziel u.a.: Gliederung der Stadt in historisch relativ einheitlich gestaltete Gebiete.

= dominante Betrachtungsweise in der vom Historismus beeinflußten Phase der Kulturgeographie, d.h. etwa zwischen 1900 und 1950. Methodologie: nicht Erklärung nach dem Vorbild der positivistischen Naturwissenschaften, sondern "Verstehen" des Gegenstands als Ergebnis historischer Prozesse.

Heute neue Aktualität wegen der Renaissance der hermeneutischer Methodologie und wegen der praktischen Bedeutung der Ergebnisse für Stadterhaltung und Denkmalschutz.

 

Methoden:

- Kartierung und historisch-genetische Einordnung von Gebäuden, Gebäude-Ensembles und der ganzen Stadtlandschaft;

- Vergleich mit historischen Karten, insb. mit dem Urkataster, d.h. der ersten exakten Vermessung und Kartierung aus der ersten Hälfte des 19. Jh. (d.h. im wesentlichen vor den tiefgreifenden Veränderungen der Industrialisierung!);

- Auswertung von archivalischen Quellen (insb. Bürgerbücher, Steuerregister) zur Rekonstruktion der Gebäude- und Sozialtopographie teilw. bis zum Mittelalter.

Warum gerade Verknüpfung von morphologischer und genetischer Betrachtung?

- Wissenschaftsgeschtliche Entwicklung: Landschaftskonzept der Geographie und Historismus der Kulturwissenschaften trafen zusammen;

- aber auch sachlich begründet: hohe Persistenz der baulichen Struktur;

- Wiederentdeckung der ästhetischen Stadtbildqualität in der Postmoderne (s.u.).

Bsp. Hameln

- historische Grundrißanalyse (Straßenführung, Tore, Parzellengliederung);

- historische Aufrißanalyse (ältere Schicht meist giebelständig; Barock: überwiegend traufständig; 19. Jh.: häufig Traufhaus mit Zwerchgiebel);

Konsequenzen für Altstadtsanierung: Silhouette mit Kirchtürmen, Sichtbeziehungen zu bedeutenden Einzelbauwerken, raumbildende Wände an Straßen und Plätzen, Geschlossenheit von Straßenräumen durch "Visierbrüche", Ensemblewirkung von Gebäuden auch ohne baugeschichtlichen Rang.

Wiederentdeckung der historisch gewachsenen Stadtbilder in der postmodernen Stadt:
z.B. Architekturtheoretiker Ungers: große Städte werden zum "Städtearchipel"; d.h. sie sind zusammengesetzt aus Stadtteilen mit einer spezifischen Identität, die sich vor allem in der Morphologie dokumentiert: Blockrandbebauung, offene Zeilenbauweise, Aufriß, Geschoßzahlen usw. Einheitlich gebaute Städte wären ein Alptraum, gerade die Komplexität aufgrund der Vielfalt der "Städte in der Stadt", die sich aus der historischen Entwicklung ergibt, macht den Reiz der europäischen Städte aus. Solche Stadtinseln mit einem bestimmten Charakter sollten nicht ständig dem Zeitgeschmack angepaßt werden, sondern ihre Identität bewahren und pflegen.

 

Flächen und Gebäudenutzungen ("Funktionale" Stadtgliederung)

= Beschreibung und Darstellungen der Flächen- und Gebäudenutzungen und Erklärung ihrer räumlichen Verteilung und Anordnung (Nutzung auch = Raum"funktion").

Methodologisch: Abkehr vom Historismus; Hinwendung zum szientifischen Fachverständnis ("Beschreibung und Erklärung"); Blütezeit: ca. 1950-1980.

Methode: Beschreibung und Dokumentation der Flächen- und Gebäudenutzungen mit Hilfe von Kartierungen (häufig aufwendige Farbkartographie). Damit kann die räumliche Anordnung der Nutzungen im Stadtraum dargestellt werden.

Ziele: a) Gliederung (Regionalisierung) des Stadtraums in "funktionale Einheiten"
(= traditioneller landschaftskundlicher Ansatz),
b) Ausgangspunkt für Theoriebildung zur Erklärung der Nutzungsstruktur
(= neuerer szientifischer Ansatz).

Eine allgemein verbindliche und universell geeignete Klassifikation von Flächen- und Gebäudenutzungen gibt es nicht. Diese muß je nach spezifischer Fragestellung entwickelt werden!

Häufig benutzte Kategorien in Anlehnung an die BauNVO "Art der baulichen Nutzung": Wohnbauflächen, gemischte Bauflächen, gewerbliche Bauflächen, Sonderbauflächen, Verkehrsflächen, Flächen für Versorgungsanlagen, Grünflächen, Wasserflächen, Flächen für Aufschüttungen, Abgrabungen etc., Flächen für die Landwirtschaft u. Forstwirtschaft. (Die -Darstellung dieser Nutzungen in den Planungskarten ist durch die Planzeichen-VO geregelt.)

Für andere wissenschaftliche Zwecke sind aber i.d.R. andere bzw. meist problemspezifisch differentiertere Systeme möglich und sinnvoll!

Dokumentation von urbanen Flächennutzungen und funktionalen Stadtgliederungen ermöglicht eine detaillierte Beschreibung und allenfalls eine "genetische Deutung", enthält jedoch noch keine Erklärung der räumlichen Stadtstruktur. Wichtige Ansätze zur Erklärung:

- empirische, induktive Generalisierungen (Burgess, Hoyt, Harris & Ullman)

- Bodenrentenmodell (Alonso)

- Sozialraumanalyse (Shevky & Bell) und Faktorialökologie (Berry)

 

Empirische, induktive Verallgemeinerungen:
Modelle der klassischen Sozialökologie

Weitaus bedeutendster Ansatz: "Ringmodell" = "Modelle konzentrischer Ringe"

Ernest W. Burgess & Robert E. Park (Hrsg.): The city. Chicago 1925.

= sog. "Chicagoer Schule der Stadtsoziologie", u.a. beeinflußt von Georg Simmel.

Modell der konzentrischen Ringe ist im wesentlichen eine induktive Verallgemeinerung aufgrund von Beobachtungen in nordamerikanischen Städten, insb. in Chicago.

Folgende "Ringe" werden unterschieden (in Chicago nur als Halbkreise ausgebildet wegen der Lage am Michigan-See): 1) "Loop" ("CBD"), 2) Übergangszone, 3) Arbeiterwohnzone, 4) Mittelschicht-Wohnzone, 5) Pendlerzone.

 

Begründung:
a) Wettbewerb um Bodennutzung (Analogie zur Biologie, Einfluß Darwins),
b) historische Entwicklung (Zonen als "Wachstumsringe").

 

Kritik: Modell ist weitgehend deskriptiv und sehr simpel, es gilt nur sehr begrenzt im historischen und kulturellen Zusammenhang. Biologische Analogie ist problematisch.

 

"Sektorenmodell" von Hoymer Hoyt 1939.

Grundlage: vergleichende Mietpreisuntersuchungen in US-Städten.

Ergebnis: Es gibt allgemeine räumliche Muster, die sich nicht in das Ring-Modell pressen lassen; statt dessen sind häufig Sektoren unterschiedlicher Mietpreishöhe zu beobachten. Dies entspricht sozialen Gliederung nach Statusgruppen.

Begründung: Wettbewerb um Flächen und Anziehung bzw. Abstoßung von Nutzungen: Industrienutzungen bei Eisenbahnen u. Wasserwegen; Arbeiterwohngebiete bei Industrien, Oberschichtgebiete weit entfernt von Industrien, nahe bei Parks.

= Konstruktive Kritik des Ringmodells; dieses wird ergänzt und modifiziert.

 

"Mehr-Kerne-Modell" von Chauncy D. Harris und Edward L. Ullman 1945.

Entstand ebenfalls aus konstruktiver Kritik. Ausgangsthese: Die großen Städte wuchsen meist nicht von einem einzigen Zentrum aus in unbesiedeltes Umland, sondern durch Integration von bereits vorhandenen Kernen. Außerdem haben bestimmte Nutzungen (z.B. Schwerindustrie) bestimmte Standortanforderungen, die sich weder in das Ringmodell noch in das Sektorenmodell pressen lassen. Deshalb: unregelmäßige Anordnung verschiedener Nutzungen bzw. Nutzungsgebiete ("natural areas"). In der Nachkriegszeit wurde dieser Trend durch die autobahnorientierten Shopping-Center verstärkt.

 

Kritik:

- Aussagekraft begrenzt, insb. auf USA und erste Hälfte des 20. Jh.

- Begrenzung der Betrachtung auf horizontale Nutzungsdifferenzierung.

- Theoriedefizit: Die Modelle haben nur eine geringe Erklärungskraft.

 

Vertikale Erweiterung des Ringmodells nach Harold Carter 1972

Bezieht die drei inneren Ringe (Kernzone, Übergangszone, innere Wohnzone) auch auf die vertikale Differenzierung der Gebäudenutzungen. Zeigt damit die räumliche Überlagerung der verschiedenen Nutzungen.

Begründung: Entscheidend für die Nutzungsdifferenzierung ist die Zugänglichkeit, die nicht nur horizontal, sondern auch vertikal abnimmt.

Kritik: nur grobe Skizze, vertikale Nutzungsdifferenzierung ist kaum regelhaft ausgebildet (z.B. Büros).

 

Bodenrentenmodelle

R. V. Ratcliff 1949; Brian J. L. Berry 1959; William Alonso 1964.

= ökonomischer Ansatz zur Erklärung der räumlichen Stadtstruktur.
Kernthese: Räumliche Differenzierung von Nutzungen ist ein Ergebnis von Marktprozessen, insb. des Bodenmarkts.

Entscheidende Größe: Fähigkeit zur Zahlung von Bodenrente. Diese Größe variiert in Abhängigkeit von der Nutzungsart und von der Distanz zum Stadtzentrum (= "Rentenangebotsfunktion" = "bid rent function"). Bei Überlagerung der Rentenangebotsfunktionen setzt sich die Nutzung mit der höchsten "Lagerente" durch, so daß ähnlich wie bei dem Thünen-Modell konzentrische Ringe von Nutzungszonen und Bodenwerten entstehen.

Dieses Modell kann weiter differenziert werden (z.B. Subzentren).

Kritik:

- setzt freien Bodenmarkt voraus (insofern historisch und kulturell begrenzt)

- vernachlässigt den öffentlichen Sektor (Stadtplanung usw.)

- reine ökonomische Theorie ist teilw. realitätsfern (irrationale Handlunge, Macht etc.)

 

 

Sozialräumliche Stadtgliederung

= Gliederung bzw. räumliche Differenzierung nach sozialen bzw. sozialökonomischen Merkmalen (= Variablen) der Bevölkerung ("Segregation")

Dies ist ein Forschungsgebiet sowohl der Stadtgeographie als auch der Stadtsoziologie (Segregationsforschung).

Empirische Untersuchungen hängen wesentlich ab von der Verfügbarkeit geeigneter Daten: BRD:

- amtliche Zählungen finden nur in großen Intervallen statt (wenn überhaupt);

- amtliche Zählungen berücksichtigen nicht alle relevanten Merkmale;

- Daten sind kleinräumig aufgeschlüsselt häufig nicht verfügbar.

Methodische Probleme:

- Aggregationsniveau (interne Homogenität der kleinsten Einheiten?)

- Exzessive Datenmenge (Verdichtung? Interpretation?)

 

 

Sozialraumanalyse

= "Social area analysis", 1949/55 am Bsp. von Los Angeles von E. Shevky u. W. Bell begründet. Methodischer Ansatz: Auswahl und Interpretation der Daten muß theoriegeleitet sein.

Bezugsrahmen: "Theorie des sozialen Wandels" mit dem Grundpostulat wachsender Differenzierung und Komplexität der städtischen Gesellschaft; daraus werden drei Grunddimensionen mit 7 Indikatoren abgeleitet:

1. Sozialer Rang 1. Anteil der Arbeiter und Handwerker

2. Anteil der Personen mit Volksschulbildung

3. Miethöhe

2. Urbanisierung 4. Fruchtbarkeitsquote

5. Anteil erwerbstätiger Frau

6. Anteil Einfamilienhäuser

3. Ethnische Segregation 7. Ausländeranteil (bzw. Nichtweiße)

Kritik:

- positiv: theoretischer Bezugsrahmen für Variablenauswahl und Interpretation; Überwindung des induktiv-empiristischen Ansatzes;

- Deduktion der Indikatoren aus dem allgemeinen Konzept des sozialen Wandels ist nicht zwingend, sondern eher locker und spekulativ;

- Unabhängigkeit und Gleichgewichtung der Variablen werden vorausgesetzt;

- Variablen zur Raumausstattung fehlen;

- erlaubt grobe Klassifikation, geeignet für Vergleiche.

 

 

Faktorialökologie ("Factorial ecology")

Methodischer Fortschritt: Verwendung multivariater statistischer Verfahren, insb. der sog. "Faktorenanalyse"

Faktoren- bzw. Hauptkomponentenanalyse: mathematisch-statistisches Verfahren, basierend auf der multiplen Regressions- und Korrelationsanalyse. Sie "bündelt" solche Variablen, die untereinander hoch korrelieren, zu neuen abstrakten Dimensionen ("Faktoren"). Vorteil: Eine Gruppe von Variablen, die alle etwas Ähnliches beschreiben, wird durch eine einzige neue Variable, die den größtmöglichen Anteil der Ausgangsinformation enthält, ersetzt; die neuen Kunstvariablen sind untereinander unabhängig (= unkorreliert), d.h. sie enthalten keine redundante Information. Vorteil: Informationsverdichtung.

Zwei empirische Beispiele:

Ph. Rees über Chicago

J. V. O'Loughlin u. G. Glebe über Düsseldorf

Inzwischen liegt eine Fülle von faktorialökologischen Stadtstrukturanalysen aus allen Teilen der Erde vor. Neuere Tendenz: weniger ganzheitliche Strukturuntersuchungen, sondern als Analyseschritt im Rahmen von Untersuchungsstrategien mit spezielleren Fragestellungen.

Kritik:

- Anwendung der Faktorenanalyse bietet nur "Scheinobjektivität";

- Faktorialökologie geht überwiegend induktiv vor; zur Interpretation wird aber oft auf das Shevky-Bell-Begriffsschema zurückgegriffen.

- Wirklich fruchtbar wird dieser Analyseansatz, wenn darauf weiterführende weiterführende Untersuchungen aufbauen, z.B.

- interlokale bis interkulturelle Vergleiche,

- historische Längsschnittuntersuchungen,

- unabhängiges Variablensystem z.B. zur Analyse von Wahlen, Kriminalität usw.

Insg.: Heute werden die methodischen Probleme und die begrenzte inhaltliche Aussagekraft deutlich gesehen; dennoch Standardrepertoire der Stadtgeographie!

 

 

Aktions- und wahrnehmungsräumliche Stadtstrukturanalyse

Hier andere Betrachtungsebenen:

Aktionsraumforschung: Individualebene des beobachtbaren menschlichen Handelns;

Perzeptionsforschung: subjektive Vorstellungsebene (als mentale Dimension des menschlichen Handelns).

Innerstädtische Aktionsraumforschung: untersucht die räumlichen Bewegungen von Individuen im Stadtraum.

Typologie nach Zwecken: - Arbeit, - Schule/Kindergarten, - Einkaufen, - Freizeit usw.

Einige empirische Ergebnisse:

- Versucht man, die Einzelaktivitäten zu aggregieren, so entstehen "persönliche Kommunikationsfelder"; diese unterscheiden sich signifikant nach sozialökonomischer Lage und Alter (vgl. Schema von Kolars u. Nystuen).

- Zentrum der Aktivitäten ist der Wohnstandort; bei suburbanen Wohnstandorten sind die Aktionsräume in der Regel sektoral ausgebildet (vgl. Bsp. Augsburg von Poschwatta).

- Eine vertiefte Erforschung aktionsräumlicher Aktivitäten fällt eher in das Gebiet der Sozialgeographie. So beschäftigt sich die Aktionsraumforschung mit Zeit-Budgets, strukturellen und raumzeitlichen Handlungsschranken ("constraints") und versucht, die allgemeine sozialkulturelle Handlungstheorie um die räumliche Dimension zu erweitern.

Zur Erklärung menschlicher Aktivitäten im Stadtraum muß die Perzeptionsebene mit einbezogen werden, denn die physische "Umwelt" wirkt auf menschliche Handlungen nicht unmittelbar, sondern über den sog. "Perzeptionsfilter".

Bahnbrechend: Kevin Lynch: The image of the city. Cambridge, Mass. 1960.

(dt. Übers.: Das Bild der Stadt. Braunschweig 1975)

Lynch ließ Personen ihre städtische Umwelt skizzieren, so daß "kognitive Karten"
(= "mental maps") entstanden. Seitdem hat sich eine ganze Forschungsrichtung entwickelt: "Wahrnehmungsgeographie".

Damit wird der Ansatz der Stadtgeographie wesentlich erweitert: Nicht mehr nur der physische Raum der Stadtlandschaft und die Verteilung von (in Gruppen oder individuell handelnden) Menschen im Raum der Stadt werden untersucht, sondern die geistige Welt der mentalen und sozialen Repräsentationen der physischen Welt. Man muß diese Repräsentationen jedoch kennen, um das Handeln und Verhalten der Menschen angemessen verstehen und erklären zu können. In der "new cultural geography" geht es denn auch immer weniger um die Stadt als physisches Objekt der Erdoberfläche, sondern um Repräsentationen (Images von Städten und kulturelle Konstrukte als Ergebnis von Kommunikationsprozessen und Machtverhältnissen).


Die Außenperspektive: Städtesysteme

Rang-Größe-Verteilungen ("Rank Size Rule")

Ältere Fragestellung: Warum gibt es große und kleine Städte? Gibt es Regelhaftigkeiten der Größenverteilung?

Empirische Regelhaftigkeit: sog. Rang-Größe-Regel (Rank Size Rule).

Er = E1 . r-1 oder in verallgemeinerter Form: Er . rn = M

Zuerst entdeckt durch F. Auerbach 1913, dann auch G. K. Zipf 1941;
neuere Literatur zum Thema: Berry 1961 und Karsch 1977.

Geeignet zur Charakterisierung der Größenverteilung und ihrer Entwicklung in einem Städtesystem, z.B. auch der empirischen Abweichungen von der Rang-Größe-Regel.

Weitergehende Hypothese (Berry 1961, El-Shaks 1972): Es gibt einen systematischen Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsstand eines Landes und dem Polarisierungsgrad seines Städtesystems: niedriger Entwicklungsstand: dezentrale Struktur, mittlerer Entwicklungsstand: polarisierte Struktur, hoher Entwicklungsstand: dezentrale Struktur.

Kritik: - Außenabgrenzung der Städte verschwimmt durch Suburbanisierung;
- Außenabgrenzung der (meist nationalen) Städtesysteme verliert an Bedeutung
(keine geschlossenen regionalen bzw. nationalen Systeme);

- Rang-Größen-Analysen klammern die räumliche Dimension (Lageaspekte)

weitgehend aus;

- Geeignet zur Beschreibung; Erklärung der Rang-Größe-Regel bis heute nicht
schlüssig gelungen; im übrigen kaum zu weitergehenden Erklärungen
geeignet (z.B. nur sehr lockerer Zusammenhang zwischen Polarisierungs-

grad und Entwicklungsstand eines Landes).

 

Die Organisation von Städtesystemen: Sektorale und hierarchische Funktionsspezialisierung als komplementäre Ordnungsprinzipien

Beispiel 1: Die Entwicklung des deutschen Städtesystems 1939-1970- 1995

Beispiel 2: Das europäische Städtesystem (räumliche Integration nationaler Städtesysteme)

Beispiel 3: Das globale Städtesystem und das Konzept der "Global City"

Der Terminus "Global City" wird heute in der Fachliteratur meist in einem speziellen Sinne als weltwirtschaftliche Steuerungs- und Kontroll-Metropole, also im Sinne einer "funktionalen Weltstadt" verwendet. Der moderne "Global-City"-Ansatz wurde im wesentlichen in den achtziger Jahren in den USA entwickelt (u.a. John Friedmann). Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Diskussion waren eine zunehmende Unzufriedenheit mit den traditionellen sozialökologischen Erklärungsansätzen. Statt dessen rückten die weltwirtschaftlichen Verflechtungen und Arbeitsteilungen und deren wechselseitige Zusammenhänge mit der inneren Stadtstruktur in den Mittelpunkt des Interesses. Diese neue Perspektive, die vor allem auf die ökonomischen Beziehungen abstellt, nennt Friedmann (1986) die "Weltstadt-Hypothese" mit 7 Einzel-Hypothesen:

(1) Die Form und das Ausmaß der Integration einer Stadt in die Weltwirtschaft und die

Funktionen einer Stadt in der neuen räumlichen Arbeitsteilung werden entscheidend

für sämtliche innerstädtischen Strukturveränderungen sein.

  1. Schlüsselstädte in der ganzen Welt werden vom globalen Kapital als "Basispunkte" in der räumlichen Organisation und Artikulation von Produktion und Märkten genutzt. Die daraus resultierenden Verflechtungen ermöglichen es, die Weltstädte in eine komplexe räumliche Hierarchie einzuordnen.
  2. Die globalen Kontrollfunktionen der Weltstädte spiegeln sich unmittelbar in der Struktur und Dynamik ihrer Produktions- und Beschäftigungssektoren wider.
  3. Weltstädte sind bedeutende Plätze für die Konzentration und Akkumulation des internationalen Kapitals.
  4. Weltstädte sind Zielorte für eine große Zahl sowohl nationaler als auch internationaler Migranten.
  5. Die Bildung der Weltstädte lenkt die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Wider-

sprüche des Industriekapitalismus, u.a. die Polarisierung von Raum und Klassen.

  1. Das Wachstum der Weltstädte verursacht soziale Kosten, die tendenziell die fiskalische Kapazität der Staaten übersteigen.

Die in der zweiten These angesprochene Hierarchie von Weltstädten definiert Friedmann anhand der folgenden Kriterien: Hauptverwaltungen von transnationalen Unternehmen, internationale politische Organisationen, Umfang und Dynamik des unternehmensorientierten Dienstleistungssektors, Industriezentrum, Verkehrsknoten, Bevölkerungsgröße. Als "primäre Weltstädte" identifiziert Friedmann London, Paris, Rotterdam, Frankfurt, Zürich, New York, Chicago, Los Angeles und Tokyo sowie ferner als einzige in der Semiperipherie Sao Paulo und Singapur.

Zu den wenigen substanziellen deutschsprachigen Untersuchungen zur Frage einer globalen Städtehierarchie gehört die vor allem empirisch sehr gehaltvolle Studie von Dieter Rebitzer über die "Internationalen Steuerungszentralen" (1995). Rebitzer wählt eine "systemtheoretische Perspektive" mit einer Zerlegung des globalen Städtesystems in die funktionalen Subsysteme (1) Weltproduktion, (2) Weltfinanzwesen, (3) Welthandel und -verkehr sowie (4) Weltpolitik. Im empirischen Teil werden dann die drei Triadenregionen Nordamerika, Europa und Japan/Ostasien mit umfangreichem empirischen Material behandelt.

In den letzten Jahren hat sich vor allem Saskia Sassen um eine weitere Konkretisierung des Ansatzes bemüht. Aufgrund ihrer weltweit viel beachteten Arbeiten hat sich inzwischen der Terminus "Global City" weitgehend durchgesetzt. Sassen zielt weniger auf die globale Hierarchie des Städtesystems als vielmehr auf die innerstädtischen Restrukturierungsprozesse, die mit der Weltstadt-Funktion wechselseitig (!) kausal verknüpft sind. Ihr wichtigstes Untersuchungsfeld ist New York, aber auch London und Tokyo. Kernthesen: Geht aus von drei wesentlichen Prozessen der Reorganisation der ökonomischen Basis, speziell seit den 80er Jahren beobachtet:
1) Wachstum der höherwertigen Dienstleistungen, insb. bedingt durch Wachstum des global orientierten Finanzsektors, ausgeprägt in modernen Büro-Hochhäusern,
2) De-Industrialisierung, neue Krise der suburbanen Wohngebiete der unteren Mittel- schichten,
3) Wachstum der informellen Ökonomie, parallel: Dritte-Welt-Stadt in New York; dies nicht nur Ergebnis individueller Überlebensstrategien, sondern Ausdruck struktureller Reorganisation der Gesellschaft.

Als Folge wachsender weltwirtschaftlicher Verflechtungen und der politischen Deregulierungen speziell seit den 80er Jahren überproportionales Wachstum der globalen Finanzmärkte. Diese sind komplex, wettbewerbsorientiert, innovativ und riskant; sie erfordern eine umfangreiche Infrastruktur von hochspezialisierten Diensten und eine Kommunikation mit Face-to-face-Kontakten. Diese Dienste sind typischerweise nicht über das Städtesystem verstreut, sondern konzentriert, z.B. in London mit 31% der nationalen Producer-Dienstleistungs-Beschäftigten. London, New York und Tokyo sind die drei globalen Zentren.

Die tiefgreifenden Veränderungen der ökonomischen Basis der Weltstädte führen zu innerstädtischen Restrukturierungen. Das Wachstum des Finanz-/Dienstleistungs-Komplexes übersteigt die Aufnahmekapazität des traditionellen CBDs (Central Business Districts) und läßt sekundäre Zentren in der metropolitanen Region entstehen. Die Entindustrialisierung und die zunehmende Qualifikations- und Lohn-Spreizung auf den Teil-Arbeitsmärkten des Dienstleistungssektors führen zu einer tiefgreifenden sozialen Segmentierung. Die Gewinner dieses Prozesses sind die höherqualifizierten Dienstleistungsbeschäftigten ("urban professionals"), die Verlierer hingegen die traditionell im schrumpfenden Produktionskern beschäftigten unteren Mittelschichten sowie generell die Erwerbstätigen mit geringen beruflichen Qualifikationen, darunter vor allem Angehörige ethnischer Minderheiten und Immigranten. Ein weiterer Aspekt der polarisierenden Restrukturierung der Weltstädte ist das Wachstum der informellen Ökonomie und die damit einhergehende Entwicklung einer Dritte-Welt-Stadt in New York.

Die Thesen von Saskia Sassen sind nicht ohne Widerspruch geblieben. Chris Hamnett (1994) hat beispielsweise darauf hingewiesen, daß es unzulässig ist, die für New York geltenden Befunde ohne weiteres zu verallgemeinern. Die Entwicklung einer Stadt zur Global City sei keineswegs zwingend mit einer sozialen Polarisierung verbunden. Beispielsweise habe in der Randstad Holland anstelle einer Polarisierung eine generelle Professionalisierung der Beschäftigungsstruktur (gemessen an Bildung und Berufsgruppen) stattgefunden. An der Polarisierungsthese von Sassen kritisiert Hamnett, daß sie zu pauschal formuliert wurde und daß die Befunde für New York (und möglicherweise auch für London) auf spezielle Randbedingungen (Zahl und Zusammensetzung der Immigranten, Politik, Sozialsystem, Arbeitsmarkt usw.) zurückzuführen sind.

Allgemeine Bedeutung des Global City-Ansatzes:

Das Wachstum des global orientierten Finanz-/Dienstleistungskomplexes geht in der Regel - aber nicht notwendig (!) - einher mit einer ökonomischen, sozialen und räumlichen Polarisierung der städtischen Ökonomie und Gesellschaft. Um ein Auseinanderdriften von Bevölkerungsgruppen und Stadtteilen bzw. Städten zu verhindern, ist an Stelle einer undifferenzierten Liberalisierung eine ökonomisch, sozial und räumlich ausgleichende Politik erforderlich.

Theoretische Interpretationen von Städtesystemen: Die neoklassisch- systemtheoretische Sicht und die regulationstheoretische Sicht

Regulationstheoretische Interpretation der Entwicklungsprozesse in Städtesystemen:

Zweidimensionale Hierarchie von Städtesystemen

Kontrollkapazität

Konzentration innovativer Produktionsstrukturen

Konzentration traditioneller Produktionsstrukturen

Defizit an Industriekapazitäten

Produktionsstruktur

Konzentration von internationalen Kontroll- und Finanzkapazitäten

Typ 1 "Global cities"

 

Konzentration von europaweiten Kontroll- und Finanzkapazitäten

Typ 2a Europäische metropolitane Stadtregionen

Typ 2b Europäische metropolitane Stadtregionen

 

Konzentration von national bedeutsamen Kontroll- und Finanzkapazitäten

Typ3a National bedeutsame Städte

Typ3b National bedeutsame Städte

Metropolen der "Dritten Welt"

Ohne Konzentration von bedeutenden Kontroll- und Finanzkapazitäten

Typ 4 Städte mit innovativen Produktionsstrukturen

Typ 5 Städte mit fordistischen Produktionsstrukturen

Typ 6 Marginalisierte Städte

Nach Krätke 1992, S. 40 (verändert)

 

Wichtigste Veränderungen

- erstens der "Aufstieg" von Stadtregionen mit innovativen Produktionsstrukturen (günstige regionale Verflechtungsstrukturen, hoher F&E-Besatz) von national bedeutsamen zu europaweit bedeutsamen Kontroll- und Steuerungszentren (Beispiel: München);

- zweitens der "Abstieg" von Stadtregionen mit fordistischen Produktionsstrukturen (großbetriebliche Massenproduktion) aufgrund des Verlustes ihrer ehemals national bedeutsamen Kontroll- und Steuerungsfunktion (Beispiel: Liverpool);

- drittens die "Marginalisierung" von Städten mit fordistischen Produktionsstrukturen aufgrund des Wegbrechens ihrer industriellen Basis (Beispiel: Bitterfeld).


Die Stadt als Fokus gesellschaftlicher Veränderungen

 "Suburbanisierung"

Als Prozeß in Nordamerika seit den 20er Jahren, in Deutschland im wesentlichen erst seit den 60er Jahren beobachtet, ausgelöst durch Umzüge von Mittelschicht-Haushalten aus den Großstädten in die zuvor ländlichen Umlandgemeinden.

Definition nach Friedrichs (1977): "Verlagerung von Nutzungen und Bevölkerung aus der Kernstadt, dem ländlichen Raum oder anderen metropolitanen Gebieten in das städtische Umland bei gleichzeitiger Reorganisation der Verteilung von Nutzungen und Bevölkerung in der gesamten Fläche des metropolitanen Gebietes".

Andere kürzere (allerdings auch zirkuläre) Definition: "Intraregionale Dekonzentration" innerhalb von Stadtregionen. Zusätzlich kann man unterscheiden:
a) absolute Dekonzentration (mit absoluter Schrumpfung der Kernstadt) und
b) relative Dekonzentration (nur relativ größeres Wachstum der Umlandgemeinden).

Diese Definition setzt voraus: Konzept der "Stadtregion", entwickelt in den 50er Jahren von Olaf Boustedt und weiterentwickelt in den 60er Jahren von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Anlehnung an das nordamerikanische Konzept der "Metropolitan Statistical Area" als Modell zur vergleichbaren Beschreibung von Agglomerationen, die durch das räumliche Wachstum über die politisch-administrativen Grenzen der Kernstädte (Suburbanisierung) entstanden sind.
Abgrenzungskriterien: a) Strukturmerkmale (Einwohner-Arbeitsplatz-Dichte),
b) Verflechtungsmerkmale (Pendlerverflechtungen).

Man unterscheidet:

a) "Bevölkerungssuburbanisierung" (zunächst ausschließlich beobachtet und untersucht),

b) "Industriesuburbanisierung",

c) "Dienstleistungssuburbanisierung".

 

Gründe für die Bevölkerungssuburbanisierung:
- Zunahme der privaten Einkommen (Voraussetzung für weitere Faktoren),
- Privatmotorisierung der Haushalte,
- Zunahme des Wohnflächenkonsums (größere Wohnungen, Einfamilienhaus),
- Wertewandel (Umweltsensibilität, Wunsch nach naturnahem Wohnen),
- Verdrängung von Wohnnutzung aus den Innenstädten (Push-Faktor),
- Stellung im Lebenszyklus (typischer "Suburbanit": gut verdienender Mittelschicht- aushalt mit 1-3 kleinen Kindern);
- aufgrund dieser Faktoren wird erklärlich, daß die Suburbanisierung a) konjunktur-
abhängig ist und b) vor allem in den sechziger bis achtziger Jahren erfolgte.

 

Gründe für die Industriesuburbanisierung:
- Zunahme des gewerblichen Flächenbedarfs (eingeschossige Anordnung, Bedarf an Parkplätzen, Erweiterungsreserven usw.),

- Verdrängung aus den Kernstädten (Kosten, Erweiterungsflächen-Mangel, Umweltauflagen),
- Lockerung früherer Standortbindungen (z.B. an Eisenbahn).

 

Gründe für die Dienstleistungssuburbanisierung:
- wachsender Flächenbedarf (Abnahme der Flächenproduktivität im Handel),
- Veränderung, teilw. Umkehrung der Erreichbarkeitsverhältnisse Stadt-Umland,
- Zunahme der Nachfrage im suburbanen Raum (als Folge der Bev.-Suburb.),
- Auslagerung von "Back-Offices" aus Kostengründen (und teilw. wg. veränderter
Erreichbarkeit).

 

Folgen der Suburbanisierung:

- Rückwirkungen auf die Kernstädte: Abwanderung jüngerer Mittelschicht-Haushalte
führt zu sozialstrukturellen Verwerfungen (Zurückbleiben der 4 "A"s: Arme,
Alte, Ausländer, Arbeitslose; Folge: fiskalische Schere mit zunehmenden Sozial
ausgaben der Kommunen und sinkenden Steuereinnahmen;

- Gesamte Stadtregion dehnt sich räumlich aus mit zunehmenden Verkehrsbelastungen,
Bewertung: Verlust der Nachhaltigkeit gegenüber der "kompakten Stadt";

 

"Desurbanisierung" ("Counter urbanization")

Von B. Berry bereits 1973 in den USA beobachtet, in Europa erst seit den 80er Jahren. Desurbanisierung bezeichnet im allgemeinen Sinne eine "interregionale Dekonzentration" (von Bevölkerung und wirtschaftlichen Aktivitäten) zu Lasten der großen Städte und Stadtregionen und zugunsten der ländlichen Regionen bzw. kleiner Gemeinden. Desurbanisierung entstand in den 70er Jahren in einer Übergangsphase zunächst durch die räumliche Ausweitung (und das Abflachen) der "Suburbanisierungswelle"; seit den 80er Jahren zeigen in den meisten Industrieländern aber auch die meisten peripheren ländlichen Regionen positive Salden.

Entscheidender Unterschied zur Suburbanisierung: auch Arbeits- und Versorgungsorte im ländlichen Raum, d.h. nicht mehr funktional auf Stadtregionskerne bezogen.

Erklärung:
- Saldo der Ballungsvor- und -nachteile kehrt sich um zugunsten der ländlichen Räume:
- Rückgang der landwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit flacht asymptotisch ab;
- Ubiquität harter Standortfaktoren wie Verkehr, Versorgung;
- Ballungsnachteile (hohe Kosten, Umweltbelastung usw.) werden wichtiger;
- Industrialisierung der ländlichen Räume;
- Wertewandel zu Lasten urbanen und zugunsten naturnahen ländlichen Lebens.

Diese Faktoren gelten für Bevölkerung (und tendenziell auch für das produzierende Gewerbe), kaum jedoch für metropolitane Funktionen (unternehmensorientierte Dienstleistungen).

 

Neuerer Trend seit den 80er Jahren: "Re-Urbanisierung" (?)

Beobachtet in den Nordamerika seit den 80er Jahren, in den 90er Jahren auch in Europa (aber umstritten, ob es sich überhaupt um einen generellen Trend handelt).

 

Faktoren der Re-Urbanisierung:

- überproportionales Wachstum der stadtzentrierten Dienstleistungen (insbesondere
unternehmensorientierte Dienstleistungen, Finanzwesen usw.);

- internationale Immigration, die sich überproportional auf die Kernstädte richtet;

- "Gentrifizierung" bestimmter citynaher Wohnquartiere;
- sozio-demographischer Wandel (höherer Anteil von Single-Haushalten).

Beispielhafte Studie: Ley, David (1996): The new middle class and the remaking of the central city. Oxford: Oxford Univ. Press. 383 S. = Oxford Geographical and Environmental Studies.

Studie über das "Embourgeoisement" (Verbürgerlichung) der citynahen Stadtbezirke, empirisch basierend auf den großen kanadischen Städten, aber weithin verallgemeinerbar. L. bevorzugt den Begriff "Embourgeoisement" statt des mißverständlichen metaphorischen Begriffs "Gentrification".

Dieser Prozeß wird als Teil eines umfassenderen ökonomischen, sozialen und politischen Restrukturierungsprozesses interpretiert, wobei die ökonomischen, sozialen und politischen Transformationen teils als Ursache, teils als Folge aufgefaßt werden.

Klassische Modelle der Sozialökologie: ältere Innenstadtviertel durchlaufen einen "Filterprozeß", so daß ihr sozialer Status immer weiter absinkt; dies ließ sich im großen und ganzen bis zu den 60er Jahren bestätigen.

Heute sind jedoch andere Prozesse zu beobachten: zunehmend kleine Haushalte, berufstätig im "professional-managerial sector", meistens in der Downtown, Altersstruktur meist einerseits um die 30, andererseits "empty nesters", meist in condominiums wohnend. Der Prozeß umfaßt sowohl "renovation" (Renovierung von Altbauten) als auch "redevelopment" (Abriß und Neubau).

Betont, daß diese Prozesse nicht ohne weiteres verallgemeinerbar sind: S. 8: "... that there is a geography of gentrification: that the trends remaking the inner cities of Toronto, San Francisco, or London are not shared by Winnipeg, Detroit, or Liverpool. Nor is every neighbourhood equally susceptible to middle-class settlement."

Zusammenhänge dieses Prozesses mit:

a) ökonomischer Restrukturierung: Wachstum des professional-managerial Sektors, der heute bereits 30% der kanadischen Beschäftigung ausmacht; teils nationale Trends, teils city-spezifische Trends), Ausbau des HEW-Komplexes (health, education, welfare; führt insb. zur Steierung der Frauen-Erwerbsbeteiligung);

b) Immobilienmarkt entdeckte seit den 70er Jahren die (damals) billigen innenstadtnahen Quartiere; bauliche Prozesse: Veränderungen der Einzelhandelsstruktur, neue Branchen, Ambivalenz postmoderner Architektur; neuer Slogan: "A city to live in and enjoy";

c) sozial-demographischer Wandel: Infragestellung der Kleinfamilie, neue Jugend- und Protestkulturen, Single- und DINKs, innenstadtorientierte Lebensstile; "Follow the Hippies": The cultural politics of gentrification: Jugend-Protest-Kulturen in den Städten, Künstlerkolonien; später gefolgt von Yuppies und verschiedenen Lebensstilen;

d) politischer Wandel: Wechsel der Stadtpolitik von suburbaner Außen-Expansion zur Innenstadt-Entwicklung; "The new urbanism: the neighbourhood movement": Nachbarschaftsbewegung, d.h. Bürgerinitiativen für kleinräumige Belange, oft von Frauen getragen; neue reformorientierte Parteien wie Gründe, von intellektuellen Mittelschichten getragen;

Folge: zunehmende sozio-ökonomische Polarisierung und Verdrängung der einkommensschwächeren Haushalte.

Hilfreich zum Verständnis sind drei wesentliche theoretische Konzepte:
1) These der post-industriellen Gesellschaft (D. Bell);
2) Übergang zum Postfordismus (polit-ökonomische Interpretation);
3) Die postmoderne Stadt (als Ausdruck einer neuen Geschmackskultur mit veränderten Konsumstilen und Werten).

 

Kontroverse Diskussion der Bedeutung des Prozesses: Einerseits haben Kritiker Recht, die vor einer Überschätzung warnen (Berry: "Islands of renewal in seas of decay"; Bourne: Der Einkommens-Gradient in den kanadamischen Städten hat sich seit den 50er Jahren nicht wesentlich verändert (aber dabei muß man Haushaltsgrößen und Frauenerwerbstätigkeit beachten!)), so daß man Gentrification nicht als Umkehrung der anhaltend bedeutsamen Suburbanisierung mißverstehen darf. Gentrification läßt sich auch nicht einfach mit dem traditionellen Sozialstatus-Konstrukt messen. Kritische Auseinandersetzung mit der "Post-gentrification-These": Einige Prozesse schwächen sich zwar ab (Wohnungsnachfrage des Baby-Booms der Nachkriegszeit; Stagnation des HEW-Komplexes ("health, education, welfare"), aber andere Prozesse, die in Richtung Gentrification wirken, verstärken sich: Internationalisierung, Trend zur "Executive city"

 

 

Räumliche Polarisierung der Stadt als Ausdruck allgemeiner gesellschaftlicher Polarisierung:

- Modell der 'dual city' oder 'two speed city'

- Modell der dreigeteilten Stadt:

1) 'erste Stadt': international wettbewerbsfähige Stadt,

2) 'zweite Stadt': Wohn-, Arbeits- und Versorgungsstadt der Mittelschichten;

3) 'dritte Stadt': sozial marginalisierte Gruppen, insb. Ausländer, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende (sog. "A-Stadt").

- Krätke (z.B. 1995): Modell der 'quartered city' mit 5 typischen Quartieren:

1) Stadt der Herrschaft und des Luxus (Büros, Shopping-Center, Hotels),

2) gentrifizierte Wohnstadt (gentrifizierte Altbauquartiere und moderne Villen- und Apartmentviertel) für Manager, Yuppies usw.

3) mittelständische Stadt,

4) Mieterstadt der niedrig entlohnten Arbeiterbevölkerung in unsicheren
Beschäftigungsverhältnissen,

5) aufgegebene Stadt der Verarmten und anderen Randgruppen.

Städte gleichen immer mehr einem sozio-ökonomischen 'Flickenteppich' mit Armutsinseln und Luxusvierteln.

Soja, Edward W. (1995): Postmoderne Urbanisierung. Die sechs Restrukturierungen von Los Angeles. In: Gotthard Fuchs, Bernhard Moltmann und Walter Prigge (Hg.): Mythos Metropole. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 143-164. = Edition Suhrkamp 1912.

Vortrag über postmoderne Stadtentwicklung am Beispiel von Los Angeles. Sechs Prozesse bzw. Phänomene werden als Hauptlinien der Entwicklung zur Postmoderne herausgestellt: 1) Restrukturierung der ökonomischen Grundlagen (von der fordistischen Produktion und Konsumtion zu flexiblen Produktionssystemenmit Neo-Industrialisierung),

2) Entwicklung zur global city,

3) Restrukturierung der urbanen Form,

4) neue kaleidoskopartige Sozialstruktur,

5) befestigte Stadt mit privaten Sicherheitssystemen,

6) radikaler Wandel der Vorstellungswelt des Urbanen, Entstehgung von Hyperräumen.

 

 

Fazit: die Stadt als Fokus gesellschaftlicher Veränderungen in der Postmoderne:

1) Fragmentierung und neue Disparitäten sowohl innerhalb der Städte als auch zwischen den Städten als Ergebnis von zwei Prozessen:

a) Entindustrialisierung und Dienstleistungswachstum (insb. metropolitaner Funktionen),

b) Rückzug des Wohlfahrtsstaates ("Unternehmer- und Suppenküchen-Stadt");

Folge: mehrfach geteilte Stadt.

2) Allgemeine Trends und Muster verlieren an Bedeutung: Auflösung der klassischen sozialökologischen Muster, flickenteppichartiges Nebeneinander von Sub-, Des- und Reurbanisierung;

3) Neue Bedeutung von Kultur und Ästhetik ("Stadt als Bühne", "Fun City") anstelle des Leitbildes des "funktionierenden und versorgenden Stadt".

 

Neuere Veränderungen in den Stadtzentren

Kombination von Einkaufen und animierter Freizeitgestaltung: "Urban Entertainment Center" (UEC)

Zuerst in USA entwickelt, Vorbilder: Las Vegas, Atlantic City sowie:

Seit 1998 in Europa in vielen Städten in Planung bzw. im Bau:

Eigenschaften:

(1) inszenierte Erlebniswelten, die mit dem traditionellen Verständnis von historisch gewachsenen, authentischen Stadträumen radikal brechen und künstliche, simulierte Stadträume ("Hyperräume") an deren Stelle setzen.

(2) Kombination von Shopping, Entertainment, Städte-Tourismus.

 


Stadtstruktur und Stadtentwicklung im interkulturellen Vergleich

Die angloamerikanische , lateinamerikanische , schwarzafrikanische , orientalische , chinesische oder japanische Stadt

Literatur:

Bähr, Jürgen und Günter Mertins (1995): Die lateinamerikanische Großstadt. Darmstadt: Wiss. Buchges. 238 S. = Erträge d. Forsch. 288.

Ehlers, Eckart (Hg.) (1992): Modelling the city. Cross-cultural perspectives. Bonn: Dümmler. 132 S. = Colloquium Geographicum 22.

Hofmeister, Burkhard (1980/96): Die Stadtstruktur. Ihre Ausprägung in den verschiedenen Kulturräumen der Erde. Darmstadt: Wiss. Buchges. 3. Aufl. 1996 (11980). 194 S. = Erträge d. Forsch. 132.

Holzner, Lutz (1981): Die kultur-genetische Forschungsrichtung in der Stadtgeographie - eine nicht-positivistische Auffassung. In: Die Erde 112, S. 173-184.

Lichtenberger, Elisabeth (1986/91): Stadtgeographie. Bd. 1: Begriffe, Konzepte, Modelle, Prozesse. Stuttgart: Teubner 2. Aufl. 1991 (1. Aufl. 1986). 303 S. = Teubner Studienbücher d. Geogr.

Knox, Paul L. und Peter J. Taylor (Hg.) (1995): World cities in a world-system. Cambridge: Cambridge Univ. Press. 335 S.

Sassen, Saskia (1994): Cities in a world economy. Thousand Oaks, Cal.: Pine Forge. 157 S. = Sociology for a New Century. (Schlechte) deutsche Übers.: Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities. Frankfurt a.M.: Campus 1996. 188 S.

 

Das Konzept der globalen Gliederung des Städtewesens in Kulturerdteile bzw. "Zivilisationen"

Forschungsansatz versteht sich als Alternative zur positivistisch-nomologischen Stadtgeographie und betont die regionalen Eigenarten von Städten. Diese werden zunächst im Sinne des morphologischen Forschungsansatzes beschrieben und dann als Ergebnis histo-risch-kultureller Prägekräfte (einschl. sozialer, wirtschaftlicher und politischer Faktoren) erklärt bzw. interpretiert. Die dabei verwendete Typologie knüpft meist an das Konzept der "Kulturerdteile" von Albert Kolb an und unterscheidet meist 10 Typen bzw. Regionen von Städten:

Europa (Mittel-, Nord-, West-, Südeuropa; nicht: Osteuropa);

Sowjetunion (Rußland/GUS/ehem. sozialistische Staaten; Stellung der ostmittel-europäischen Länder und der mittelasiatischen Länder umstritten);

Vorderer Orient (Nordafrika und Südwest-Asien);

Südasien (Indien, Pakistan, Bangladesch);

Ostasien (China, Japan, Korea);

Südostasien;

Australien, Neuseeland, Südpazifischer Raum;

Subsaharisches Afrika (Tropisch-Afrika und Südafrika);

Nordamerika bzw. Angloamerika (USA, Kanada);

Iberoamerika (Südamerika, Mittelamerika).

(Hofmeister nennt 12 Regionen; er unterscheidet zusätzlich zwischen Tropisch-Afrika und Südafrika sowie zwischen China und Japan).

Dies ist eigentlich ein ziemlich traditioneller Ansatz, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt wurde (z.B. S. Passarge: Stadtlandschaften der Erde, 1930). In den 60er und 70er Jahren geriet er in die Kritik mit dem Argument: Solche kulturgenetisch gedeuteten morphologischen Unterschiede seien nur verblassende historische Reminiszenzen (wenn nicht gar Konstrukte von Wissenschaftlern, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben). Dies ist die sog. "Konvergenz-These", die vor allem von modernisierungstheoretisch orientierten Sozialwissenschaftlern, insb. aus Nordamerika vorgebracht wurde:

Schnore, L. F. (1965): On the spatial structure of cities in the two Americas. In: Hauser u. Schnore (Hg.): The study of urbanization, 1965.

Hawley, A. H. (1971): Urban society: an ecological approach, 1971.

Stewig, R. (1983): Die Stadt in Industrie- und Entwicklungsländern, 1983.

Die wesentlichen Prozesse der Stadtentwicklung zeigten statt dessen ganz andere Trends:

In der Auseinandersetzung um die Divergenz- bzw. Konvergenz-Hypothese nimmt u.a. E. Lichtenberger eine vermittelnde, genauer: eine differenzierende Position ein. Sie unterscheidet zwischen varianten (kulturraumspezifischen) und invarianten (global wirkenden) Faktoren:

Invarianzen: Technologien der Produktion, des Bauens, des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung, der Information und Kommunikation;

Varianzen: Persistenz der Stadtmorphologie, traditionelle Normen und Verhaltensweisen, politisch-administrative Organisation, städtebauliche Gestaltung, politische Leitbilder.

Vgl. E. Lichtenberger: Stadtgeographie. 1991 (1. Aufl. 1986). - E. Lichtenberger: Stadtentwicklung in Europa und Nordamerika. Kritische Anmerkungen zur Konvergenztheorie. In: R. Heyer u. M. Hommel (Hg.): Stadt und Kulturraum. 1989, S. 113-129.

Die Sichtweise der globalen Differenzierung in die "drei Welten" ist jedoch heute aus zwei Gründen überholt: erstens wegen der Implosion der sozialistischen Gesellschafts-ordnungen und zweitens wegen der Einsicht, daß die sog. Dritte Welt kaum Gemeinsamkeiten aufweist (Denkfigur "Entwicklungsländer" oder "Dritte Welt" ist ein modernisierungstheoretisches Konstrukt! Vgl. U. Menzel: Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie, 1992).

Aber was tritt statt dessen an die Stelle der verschwundenen Weltstruktur der Nachkriegszeit? Zwei Interpretationsangebote werden z.Zt. diskutiert, die möglicherweise konkurrieren, möglicherweise aber auch komplementär zu verstehen sind:

In welchem Verhältnis stehen diese beiden Deutungsangebote der "großkulturellen Regionalisierung" und der "hierarchischen Integration"? Handelt es sich um unterschiedliche, vielleicht teilweise gegenläufige Prozesse der einen Realität und somit um komplementäre Erklärungsansätze? Oder handelt es sich um konkurrierende, d.h. sich widersprechende Interpretationen der einen Realität?

 

Die angloamerikanische Stadt

Hofmeister, Burkhard: The North American city. In: Ehlers, Eckart (Hg.): Modelling the city. Cross-cultural perspectives. Bonn: Dümmler 1992. S. 54-64. = Colloquium Geographicum 22.

Holzner, Lutz (1996): Stadtland USA: die Kulturlandschaft des American Way of Life. Gotha: Perthes. 142 S. = Peterm. Geogr. Mitt., Erg.-H. 291.

Grund- und Aufriß:

- Schachbrettartiges, orthogonales Straßennetz, beruhend auf 2 Ursachen:
(1) Renaissance-klassizistischer Stil der Kolonialmächte,
(2) quadratische Landvermessung ab 1785, d.h. außerhalb der früh besiedelten Räume,
Rechteckige Baublöcke oft durch Hintergassen (alleys) mit Versorgungsleitungen geteilt. Ergänzt durch Diagonalstraßen: diese oft Hauptstraßen(z.B. Broadway), oder sie dienen der Heraushebung bedeutender Gebäude (z.B. in Washington).

- Weiträumige Flächenausdehnung, insb. der Wohnbebauung in das Umland ("Subur banisierung", "urban sprawl"), bedingt durch:

- großen Anteil der 1-Fam.-Haus-Bebauung mit großen Flächenansprüchen,

- frühe Privatmotorisierung und forcierter Bau von Schnellstraßen.

- Beide Faktoren bedingt durch Wohlstand insb. der Mittelschichthaushalte und deren sozialkulturelle Normen.

- Hochhausbebauung in den Stadtzentren (CBD), insb. für Büros, auch Geschäftszentren im Unterschied zu den oft aus historischen Gründen geschützten Silhouetten europäischer Städte!

Prozesse:

- Schrumpfungs-/Stagnations-/Verfallsprozesse in den Innenstädten ("urban blight"):

- "Commercial blight" (Bedeutungsverlust des CBD und der anderen innerstädtischen Geschäftszentren insb. durch Konkurrenz der Shopping Center),

- "Industrial blight" (ehem. Industriegürtel, früher auf Eisenbahn u. Pendler bezogen),

- "Residential blight" (Entwertung älterer, meist stadtnaher Wohngebiete, teilw. Slum),

- aber auch Wiederaufwertung innenstadtnaher Wohnviertel ("Gentrification"),

- Wohnsegregation weitaus stärker als in Europa, Ghettobildung, insb. von Schwarzen teilw. bedingt durch hohe Mobilität der Bevölkerung,

- Suburbanisierung (residential, commercial, industrial),

- Bedeutungsverlust des altindustriellen Nordostens (frost-belt - sun-belt)

- "Counter urbanisation", d.h. überproportionales Wachstum kleinstädtischer Siedlungen auch in peripheren Regionen außerhalb der großen Agglomerationen.

 

 

Die lateinamerikanische Stadt

Einheitlicher "Kulturerdteil"? Mindestens drei Teilregionen mit unterschiedlichen Stadtentwicklungen:
a) Hispano-Amerika (weitaus größter Teil),
b) Lusitano-Amerika (Brasilien),
c) Westeuropäisch-nordamerikanisch geprägte karibische Inseln (z.B. Puerto Rico).

Stadtentwicklung Lateinamerikas geht ganz wesentlich auf die Kolonialzeit zurück. Nur in den Regionen der indianischen Hochkulturen bestanden vorkoloniale Städte, die aber im Zuge der spanischen Eroberung zerstört wurden. Teilweise wurden auf ihren Ruinen Kolonialstädte erbaut, so daß eine Siedlungskontinuität (mit Persistenz von Grundrißformen) besteht: z.B. Mexico und Cuzco.

Der weitaus größte Teil der Städte sind aber koloniale Neugründungen, von denen wiederum der größte Teil aus der ersten Phase (1520-1580) stammt; bis ca. 1630 erfolgte eine Konsolidierung mit der Herausbildung einer Hierarchie durch die Konzentration politischer und ökonomischer Funktionen. Bis zur Mitte des 19. Jh. kaum Veränderungen der großräumigen Gefüges. Allerdings im 18. Jh. einige neue Gründungen, wie Bergbaustädte in Mexico und militärisch motivierte Gründungen an den "Kriegsfronten", d.h. den Kolonisationsfronten gegen die Indianer, wie z.B. Montevideo 1726).

Funktion der Gründungsstädte: bis zum 19. Jh. nicht Mittelpunkte flächenhafter Besiedlung, sondern punktuelle Stützpunkte der politischen Eroberung und Machtsicherung und der Ressourcenausbeutung (Edelmetalle, Zuckerrohr) durch Spanien und Portugal. Deutlicher Unterschied zwischen:

Hispano-Amerika: Spanier gründeten Hauptstädte aus symbolischen Gründen häufig an den im Binnenland gelegenen Standorten der indianischen Mittelpunktsiedlungen, z.B. Mexico, Bogota, Quito; dadurch entstanden oft Städtepaare Hauptstadt-Hafenstadt, z.B. Quito-Guayaquil; Santiago-Valparaiso; daneben aber auch Küstenstandorte: Havanna, Santo Domingo, Buenos Aires;

Lusitano-Amerika: fast ausschließlich Gründungen in Küstenlage als koloniale "Brückenköpfe" wie Salvador, Rio, Belem, Recife usw.; Ausnahme: Sao Paulo.

Grundrißstruktur der spanischen Kolonialstadt:

Ursprung: Leitbild der geometrischen Idealstädte der Renaissance, entwickelt insb. von italienischen Stadtbaumeistern, indirekt zurückgehend auf die griechisch-römische Stadt ("Hippodamisches Schema"). Damit nicht Übertragung traditioneller mittelalterlicher Stadtformen Spaniens, sondern ästhetisches Prinzip des Renaissance-Städtebaus, das von Stadtbaumeistern ("praktischen Mathematikern") entworfen und per königliche Anweisung überall angewandt wurde.

Auch die kolonialportugiesischen Städte folgten weitgehend dem Schachbrettmuster, allerdings mit einem geringeren Schematismus. Das 1549 als Hauptstadt gegründete Sao Salvador da Bahia wurde als Festungsstadt in Küstenlage errichtet; ähnlich Rio 1565.

Größte Städte: 16./17. Jh.: das 1546 auf dem bolivianischen Hochland gegründete Potosí mit ca. 100- bis 150.000 Ew. (Silberbergbau!), im 18. Jh. zurückgehend; zu Beginn des 19. Jhs.: 3 Städte >100.000 Ew.: Mexiko, Salvador sowie nach 1808 (Verlegung des protugiesischen Hofes) auch Rio; über 50.000 Ew. zählten Havanna und Lima (ebenso wie Mexico Sitz eines spanischen Vize-Königs).

Entwicklung zur heutigen Stadt: explosionsartiges Wachstum, insb. im 20. Jh., dabei völlige Überformung:

Hauptprobleme:

 

 

 

 

Die schwarzafrikanische (subsaharische) Stadt

Nur in einigenTeilräumen ältere Stadtkulturen (Sudanzone, Yoruba-Städte in Nigeria); in der Regel gehen die schwarzafrikanischen Städte auf koloniale Gründungen zurück: zuerst isolierte Handelsstützpunkte, dann als Hauptstädte der Kolonien Verwaltungs-, Militär- und Handelszentren, insb. an den Küsten; daneben auch kleinere Regionalzentren.

Kern: ehem. Europäerviertel mit meist quadratischen bzw. rechtwinkligem Straßennetz, heute meist zur modernen Geschäftscity mit Büros, Geschäften, modernen Apartments, daneben oft noch ältere kolonialzeitliche Häuser erhalten.

Davon räumlich kraß getrennt:

- Oberschichtviertel mit offener Villenbebauung (meist sektoral angeordnet), afrikanische Oberschicht + Europäer,

- traditionelle Afrikaner-Viertel, teilw. Hütten, teilw. "low-cost-houses" des öffentl. Wohnungsbaus; Mittelpunkte: Afrikanermärkte,

- dazwischen: kleinere Mittelschichtquartiere,

- außerhalb: Spontanansiedlungen ("Squatter", "Bidonville").

Hauptprobleme: ähnlich wie bei lateinamerikanischer Stadt

- Land-Stadt-Wanderung oft, aber nicht notwendig mit sozialer Entwurzelung verbunden ("Detribalisierung"); teilweise Übertragung sozialkultureller ländlicher Lebensformen in die Städte.

- Koloniales Erbe wirkt noch sehr viel stärker nach als in Lateinamerika ("ökonomischer und kultureller Neo-Imperialismus"); dieses wird allerdings auch von den einheimischen Regierungen und Eliten oft als Entschuldigung für Unfähigkeit und Korruption beschworen.

- Die wirtschaftliche Stagnation der 80er und 90er Jahre hat zu einer weiteren Verarmung großer Bevölkerungsteile und zu einer Verschärfung der innerstädtischen Segregation geführt.

Die orientalische Stadt

Ehlers, Eckart (1993): Die Stadt des Islamischen Orients. Modell und Wirklichkeit. In: Geogr. Rundsch. 45, S. 32-39.

Zusammenfassende Diskussion der zahlreichen vorliegenden Modellentwürfe; betont vor allem die Überwucherung der traditionellen Medina und ihrer Bazarwirtschaft durch die moderne Urbanisierung.

Verbreitung dieses Stadttyps im wesentlichen im islamisch-orientalischen Kulturkreis, d.h. zwischen Marokko und Pakistan; jedoch sind wesentliche Merkmale vorislamisch geprägt, lediglich der Bazar entstand im islamischen Mittelalter; desh. spricht man sinnvollerweise nicht von der "islamischen", sondern von der "orientalischen" Stadt!

Typische Merkmale des Grundrisses:

- Verzweigtes, unübersichtliches Sackgassensystem der Straßen.
Entstehung seit der Antike in einem langen Prozeß aus einem zunächst regelhaftem Straßennetz, dann überall verbreitet.
Gründe:

- Übergang vom antiken Wagenverkehr zum Tragtierverkehr,

- Sackgassen als halböffentliche Bereiche, d.h. Absonderung in private Sphäre der Wohnhöfe, halböff. Sackgassen und öff. Bereiche der Bazare und Hauptstraßen.

- Wohngebäude: ummauerte Wohnhöfe (Atriumhaus) seit der Antike nur wenig verändert.

- Zentrum: Hauptmoschee und zentraler Basar.
Basar entstand seit dem Mittelalter als kommerzielles Zentrum; nach außen abschließbar, im Inneren differenziert in Handwerkergassen, Einzelhandelsgassen nach Branchen,
"Khane" = Großhandelshöfe und teilw. Karawansereien;

- Wohnquartiere meist streng nach ethnischen/religiösen Gruppen getrennt, z.B. erkennbar an den Kirchen/Moscheen/Synagogen, kleinere Bazare, Koranschulen, Badehäuser ("Hammam"), Armenküchen etc.

Im 19. und 20. Jh. westliche Überprägung durch britische und französische Kolonialmächte und durch moderne Weltwirtschaft:

Oft moderner CBD neben der traditionellen Stadt, so daß eine zweipolige Struktur entstand; teilweise auch moderne Straßendurchbrüche und CBD-Entwicklung in der traditionellen Stadt (Ideal der modernen westlichen Stadt als Ziel harter Modernisierungspolitik, weniger der Kolonialmächte, sondern vor allem der einheimischen Eliten und Regierungen).

Heute ist ein differenziertes Neben- und Miteinander traditioneller und moderner Elemente charakteristisch für die orientalische Stadt. Ehlers 1993: Einheitlichkeit des Modells fraglich, gilt allenfalls für 19. Jh., heute vielmehr zunehmende Differenzierung.

Starkes Wachstum der Städte (hohe Geburtenraten in den muslimischen Ländern und anhaltendes Land-Stadt-Wachstum). Folge: starkes Wachstum der Marginalsiedlungen; teilw. Entstehung von Megastädten (Kairo, Istanbul, Teheran, Karachi).

 

Die chinesische Stadt

Taubmann, Wolfgang (1993): Die chinesische Stadt, GR 45, 420-428.

 

Prägende kulturspezifische Faktoren:

1) Traditionelle Elemente der chinesischen Stadt in der Kaiserzeit

Traditionelle Elemente der chinesischen Stadt sind heute nur noch im Grundriß und in Einzelgebäuden nachvollziehbar.

Prinzip: Die Stadt ist ein "kosmo-magisches Symbol", d.h. Abbild des Kosmos (kreisförmiger Himmel und quadratische Erde). Gestaltungselemente: Achsialität, Symmetrie und Orientierung an Himmelsrichtungen.

Nach konfuzianischer Gesellschaftslehre hierarchischer Aufbau:

im Zentrum Palast des Kaisers (= "Himmelssohn") oder Fürsten, daran anschließend in quadratischer bzw. rechteckiger Anordnung die Wohnviertel mit zentral-peripherem Sozialgefälle.

Mikrokosmos der Stadt ist Abbild des Makrokosmos: hierarchisches Gefüge.

Die Stadt ist Symbol der Gesellschaft bzw. der staatlichen Ordnung und zugleich Symbol des Kosmos.

 

Geomantik (chines. Naturphilosophie): Kräftedualismus (yin-yang) auf den Raum übertragen: z.B. Himmelsrichtungen: N = weiblich, passiv, dunkel,
S = männlich, aktiv, hell.

Peking: an der Südachse die wichtigsten Gebäude; im N der wenig angesehene
Handel; Gebäude sind prinzipiell nach S ausgerichtet.

Wichtigster Stadttyp: "Kreisstadt", insg. ca. 2000, immer mit Mauer, meist nur 4 Tore; typ. Elemente: "Yamen" (Sitz des kaiserlichen siegelführenden Beamten), Tempel oft auch heute noch erkennbar; viele Bezirke durch Mauern abgesondert.
Städte waren Stützen der feudalen Gesellschaftsordnung, kein liberales Bürgertum!

2) Ab Mitte 19. Jh. bis 1949: Einflüsse westlicher Länder und Bautraditionen, insb. in den sog. Vertragshäfen-Städten (1842ff.) mit Konzessionsgebieten und ausländischen Handelsniederlassungen (insb. Shanghai, Kanton/Guangzhou, Tientsin, "Kolonien" Hongkong (brit.) und Tsingtau (dt.) und Port Arthur (russ.)). Dort zunächst räumlich abgegrenzte Ausländerbezirke, später Citybildung in Altstadtkernen.

3) Seit Gründung der Volksrepublik China 1949: Transformation zur "sozialistischen" Stadt (Symbiose aus traditionellen und sozialistischen Merkmalen).

Slogan: "Konsumentenstädte in Produzentenstädte umwandeln!"

Einerseits: Maoismus stadtfeindlich, andererseits: Industrialisierung nach sowjetischem Vorbild, d.h. insb. Aufbau der Schwerindustrie z.B. westl. Beijing
z.B. 1958-76: 80 % aller staatl. Investitionen in die Industrie.
Folge: Vernachlässigung der Infrastruktur und des Wohnungsbaus.

Beseitigung der feudalen Stadtelemente: anstelle der Adelspaläste oft repräsentative öffentliche Gebäude; Bau monotoner Wohnsiedlungen, meist in der Nähe von Industriebetrieben, teilw. auch flächenhafte Sanierungen in den Altstädten mit monotoner Neubebauung.

Drangvolle Enge: 1965: 3,7 qm pro Person, 1991: 6,9 qm !

Wohnraum ist praktisch kostenlos; kein privater Wohnungsbau in den Städten, keine Suburbanisierung, sondern Außenwachstum durch staatliche Industriebetriebe oder städtischen Wohnungsbau.

4) Tendenzen seit der Reform- und Öffnungspolitik 1980ff.

Starkes Außen- und Innenwachstum, insb. Außenring mit Industrie und Wohnquartieren wachsende Heterogenität sowohl zwischen den Städten als auch in den Städten.

Boom in Sonderwirtschaftszonen und ETDZs (Econ. a. Tech. Dev. Zones) mit westl. Städtebau und modernen Hochhäusern (neue Millionenstadt Shenzhen zwischen Guangzhou und Hongkong); andererseits Restauration traditioneller "Kulturstraßen" insb. für westl. Touristen.

 

Die japanische Stadt

Traditionelle Stadt (d.h. vor der Meiji-Restauration 1867):

Weitaus wichtigster historischer Typ: Burgstadt (Jokamachi);

rund die Hälfte aller japanischen Städte geht auf die Burgstädte zurück (1890 waren von den 43 Präfekturhauptstädten allein 29 ehem. Burgstädte); gegr. 16.-18. Jh. durch die ca. 260 japanischen Feudalherren ("Daimyos"), vergleichbar mit den europäischen Fürstenstädten.

= Ausdruck der feudalen Gesellschaftsordnung:

Kern: Burg bzw. befestigter Palast des Daimyo, durch Gräben und Wälle geschützt;
anschließend Wohnbereiche der höheren und niederen Krieger (Samurai-Klasse);
außerhalb der Gräben und Wälle: Bürgerstadt der Handwerker und Händler; Handwerk und Handel waren auf den Bedarf der Daimyo-Höfe ausgerichtet;
daneben einzelne "Kerne": buddhistische Tempel bzw. Klöster und shintoistische Schreine.

Nach dem Verlust der feudalen Privilegien 1867: Burgstädte werden vielfach zu Verwaltungsstädten.

Bsp: Burgstadt "Koriyama" aus Gutschow.

Burg errichtet 1586 in der Yamato-Ebene (östl. Osaka),

Lage: an einer Straße von Nara (im N) nach Kasiwara (im S)
auf einem Hügel westl. der Straße Burg des Daimyo
daran anschließend auf 3 Seiten: Samurai-Viertel
östl. und nordöstl.: "Choninmachi" d.h. Viertel der Handwerker und Händler

Andere historische Typen: 

Rast-oder Stationsorte  (shukuba-machi),
Hafenorte (minato-machi) (erst ab 1867 dominierend!)
Marktorte (ichiba-machi)
Kur- und Badeorte (onsen-machi)

Chinesischer Einfluß der Geomantik: N-S-Orientierung der historischen Stadtanlage.

Häuser: meist nur eingeschossige Holzhäuser, desh. ist heute nur wenig historische Substanz erhalten.

Nach der sog. Meiji-Restauration 1867 Umwandlung zur modernen kapitalistischen Stadt:

- extreme Urbanisierung mit Land-Stadt-Wanderungen und hohen Wohndichten (15.000 Ew pro ha); kleine Wohnungsgrößen und nur ca. 10-15 qm Wohnfläche pro Ew.;
Gründe:

- Massenwohlstand erst seit 60er Jahre,

- exorbitante Bodenpreise in den Städten,

- starke Zentralisierung der Funktionen in den Stadtkernen.

- hohe innerstädtische Verdichtungen, auch unterirdische Shopping-Center,
charakteristische Kombination: CBD bestehend aus Einzelhandel, Verwaltungen und Vergnügungsviertel; starkes Wachstum dieser innerstädtischen Geschäfts- und Vergnügungsviertel, teilweise unterirdisch angelegt (wg. hoher Bodenpreise);

- Nebeneinander von kleinen 1-Fam.-Häusern auf kleinen Parzellen und Hochhäusern in Stahlskelettbauweise (wg. Erdbebengefahr früher keine dichte Bebauung),
mehrgeschossiger Mietwohnungsbau in Großwohnsiedlungen ("danchi") durch private Investoren oft an Pendlereisenbahnstationen;

- extreme Zersiedlung der Umlandzonen bei (im Vergleich zu Europa) ineffizienter Stadtplanung,

- Mangel an innerstädtischen Freiräumen (wichtig: Parks der Tempel und der ehem. Burgen, heute oft Funktion von öff. Stadtparks),

- große Verkehrsprobleme aufgrund der Privatmotorisierung (aber noch geringer als in Europa und Nordamerika!) und der hohen Dichten: aber auch effizienter ÖPNV, Stadtautobahnen.

- Insg.: interessante eigenständige Symbiose autochthoner und westlicher Elemente.

Scharfer Kontrast der Planungstraditionen heraus: Während die westliche Stadtplanung von einem starken antimetropolitanen Akzent (Mißtrauen gegen große Städte, suburbanes Ideal der bürgerlichen Mittelschichten) gekennzeichnet werde, ist die Grundeinstellung in Japan gegenüber Zentralismus und Metropolen uneingeschränkt positiv.

 

Tokyo: größte Stadtagglomeration der Erde mit ca. 32 Mio Einwohnern;

Entwicklung von Tokyo:

1590-1868 Burgstadt Edo; 1590 errichtete der mächtige Tokugawa Shogun bei einem kleinen Fischerdorf eine Burg. Gemäß dem sog. "Sankin-kotai"-System verbrachten die Regionalfürsten (Daimyo) mit ihrem Gefolge (insb. den Samurai) eine große Zeit des Jahres am Hof des Shoguns und errichteten Wohnquartiere mit einer unregelmäßigen Straßenführung (im S und W des Burgbezirks; dieser Samurai-Bezirk hieß "Yamanote", locker bebaut mit Gärten, ca. 2/3 der Stadtfläche umfassend). Östl. der Burg siedelten sich Händler, Handwerker und Künstler an (Zentrum: Nihonbashi); regelmäßiger geplanter Straßengrundriß mit großer Bevölkerungsdichte (ca. 15-20% der Stadtfläche). Ferner ca. 1000 buddhistische Tempel und Shinto-Schreine in öff. Grünanlagen waren über das Stadtgebiet verteilt (ca. 15-20% der Stadtfläche). Nach starkem Wachstum dürfte Edo bereits Anfang des 18. Jhs. die 1-Mio-Ew-Grenze überschritten haben (und war wahrscheinlich mit Peking die größte Stadt der Welt; bis es um 18910 von London überholt wurde; neben Edo als dem politischen Machtzentrum Japans waren Kyoto als Kaiserstadt und symbolisches Zentrum sowie Osaka als Handelsstadt bedeutsam). Der Adel mit Gefolge einerseits und die Bürgerstadt andererseits umfaßten jeweils ca. 500000 Ew.

Mit der Meiji-Restauration und dem Ende des Sankin-Kotai-Systems (Samurai-Exodus) fiel die Bevölkerungszahl Edos/Tokios vorübergehend auf ca. 500000, wuchs dann aber wieder rasch an, so daß schon um 1910 2 Mio erreicht wurden; erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den 50er Jahren London überholt und Tokkio zur größten Stadt der Erde.

Mit der Meiji-Modernisierung setzte eine starker Stadtumbau ein: die City wurde nach europ. Vorbild radikal umgebaut: u.a. wurde das Ginza-Viertel ("Ginza Brick Quarters Project) 1872-77 nach europ. Modell neu geplant und zum kommerziellen Kern; ab ca. 1890 ging die Europa-Orientierung zurück, mächtige Privatinvestoren und die Regierung bestimmten die weitere Entwicklung. Die Investitionen richteten sich insb. auf die City und die ehem. Samurai-Viertel (Yamanote) im S und W des Palastbezirks.

Folge: Dreiteilung der Stadt: 1) CBD-Bezirk um Hbf (westl.: Behörden, Nihonbashi: Großhandel, Ginza: Einzelhandel); 2) Yamanote als Mittel- und Oberklasse-Wohnviertel; 3) Shitamachi östl. d. CBD: Handwerker, Kleingewerbe, Arbeiter. 1923 Erdbeben mit anschließendem Feuer kostete 70000 Menschenleben und 61% der Bevölkerung wurde obdachlos; Wiederaufbau berücksichtigte teilweise Präventivmaßnahmen: Steinbau, Stahlskelettbau für Hochhäuser, Parks als Fluchträume.

Weiteres Wachstum 30er-70er Jahre: hauptsächlich nach W, SW und N; Expansion erforderte weite Pendlerwege; Bahn erhielt Schlüsselstellung, sowohl staatl. Bahn als auch private Bahnen; sie kauften Land auf und Bauten Satellitenstädte; Suburbanisierung wurde insb. von den Mittelschichten getragen. Die Bahnknoten Shinjuku und Shibuya (sowie Ikebukuro und Ueno) antwickelten sich zu eigenständigen CBD-Bezirken; d.h. Tokyo wird immer mehr zu einer polyzentrischen Metropole.
Bedeutende Unterschiede zu westlichen Metropolen:

- Traditionelle Holzbauweise und Erdbeben/Feuer resultieren in häufige Neubauten, meist 2x pro Generation; nicht das Haus, sondern der Boden ist das Wertvolle; positive Einstellung gegenüber Neuem.

- Hohe Dichte (überbaute Fläche, Wohndichte), extrem hohe Bodenpreise, aber auch niedrige Pkw-Raten; einerseits miserable Wohn- und Pendlerverhältnisse; andererseits eher "nachhaltig" als EU und USA.

- Geringe kommunale Autonomie. Stadtplanung Tokios wurde immer stark von der Regierung beeinflußt; wenig Kompetenzen der Stadtplanung (weder komm. Wohnungbau wie in UK noch Flächennutzungskontrolle wie in USA; Planung wahr immer wirtschaftsfreundlich und auf Projektlösungen ausgerichtet.

- Suburbia als eigenständige Form zwischen Stadt und Land wie in den USA und im Gartenstadt-Modell ist weitgehend unbekannt. Ehem. Vorortsiedlungen werden im Zuge des Wachstumsprozesses in die Stadt inkorporiert. Dahinter stehen kulturelle Unterschiede: Leben auf dem Lande (mit intakter traditioneller Sozialkultur, "grassroot democracy" oder Ökobewußtsein) ist in Japan unpopulär; Naturbewußtsein ist zwar stark ausgeprägt, aber eher in symbolisch-stilisierter Form in Parks und Gärten.

Neue Wachstumsspitzen wegen der großen Entfernungen nicht nur am äußeren Rand, sondern auch:

"Teleport Town" in der Tokyo-Bucht auf Aufschüttungsgelände, verbunden mit der Stadt durch eine Schnellstraße und eine automatische Hochbahn. Geplant seit 1989 als Investition der Stadt als Demonstrationsprojekt für eine Ausstellung der Weltstädte gegen Ende des Jahrzehnts. Als 1991ff. die Rezession einsetzte und sich viele private Investoren zurückzogen, geriet das Projekt in eine Krise. Erste Amtshandlung des neugewählten Bürgermeisters im Sommer 1995: Absage der Ausstellung. Stand 1997: Gesamte Infrastruktur steht; einzelne Gebäude stehen zwischen großen Brachflächen.
Fläche: 448 ha, Plan: 110000 Arbeitsplätze, 63000 Wohnbevölkerung.

- Mittelpunkt: 4 km lange 80 m breite Promenade (völlig ohne Tradition in Ostasien!), offiziell begründet wegen Erdbeben-Sicherheitszone, aber funktionslos und öde.

- "Joypolis" der Fa. Sega als Spiele- und Vergnügungszentrum mit Hotels, Restaurants usw.

- 23 ha Messe-und Ausstellungsgelände (größtes in Tokyo).

Ursachen der unipolaren Konzentration auf Tokio:

- historisch weit zurückreichende straffe Zentralisierung des Landes (während der Shogunatsregierung in der Residenz- und Regierungsstadt Edo, ebenso nach der Meiji-Restauration 1867, 1868 Verlegung der Hauptstadt von Kyoto nach Tokio);

- ökonomische Zentralisierung im Zuge der Kriegswirtschaft 1937ff. und der US-Besatzungszeit;

- Globalisierung führte seit 1980er Jahre zur Entwicklung zur Global City;

- enges Zusanmmenspiel von Wirtschaft und Politik,

- Bedeutung der Face-to-face-Kontakte für Unternehmen und Dienstleistungen u. Medien auf hochkompetitiven Märkten;

- Prestigedenken (Standort Tokio für Karriere, Hochschulausbildung, Verwaltungsstandort usw.)

Probleme der Ballung:

- extrem hohe Boden- und Immobilienpreise (in der Bubble-Economy überhöht);

- hohe Pendlerdistanzen und Pendlerzeiten ("Pendlerhölle");

- hohe Verkehrsbelastung, zahlreiche Staus trotz Road Pricing und niedriger Motorisierung;

- hohe Umweltbelastungen;

- mangelnde Grün- und Freiflächen:

- hohes Risiko gegenüber Naturkatastrophen, insb. Erdbeben.

 

Soziokulturelle Voraussetzungen für die Akzeptanz der Ballung:

- traditionell positive Besetzung von Größe, Wachstum, Modernität;

- traditionell enges Zusammenleben der Menschen;

- Fähigkeit zur partiellen Verdrängung und selektiven Wahrnehmung der Umwelt;

- Fehlen der Polarisierungs- und Verfallserscheinungen von Megastädten anderer Länder (ethnisch homogene Bevölkerung, niedrige Einkommendisparitäten, niedrige Kriminalität usw.);

- leistungsfähiger ÖPNV und Fortschritte der Umweltpolitik.